
Unter dem Lärm hunderter Stimmen und erschlagender Popmusik ist die Verkäuferin kaum zu hören. „Nein, Labubus haben wir keine mehr“, ruft sie und formt im mittleren Gang des Geschäfts mit ihren Fingern ein X. „Und morgen auch nicht.“ Aus dem Strom an Kunden ertönt ein kollektives Stöhnen. Ein Mann will wissen, ob am Freitag eine neue Lieferung käme. In den sozialen Medien habe er das gehört. „Ich darf Ihnen leider gar nichts sagen“, ruft die Verkäuferin. „Sonst übernachten wieder Leute vor dem Laden.“
Es ist eine alltägliche Szene, die sich hier im Inneren einer Pop-Mart-Filiale in der chinesischen Großstadt Chengdu abspielt. In ganz China, ja, in so gut wie allen „Pop Marts“ weltweit, sind die berüchtigten Labubus seit Monaten ausverkauft. Wann immer ein Geschäft neue Ware erhält, wird es belagert; die Kunden kaufen dann auf Vorrat, um die Labubus online um das Zehnfache weiterzuverkaufen.
Labubus, das sind kleine, bezahnte Kunststoff-Puppen, die an fellige Teufel mit langen Ohren erinnern. Erfunden hat sie der Hongkonger Illustrator Kasing Lung im Auftrag von Pop Mart, Chinas erfolgreichstem Spielzeughändler.
REUTERS/Maxim Shemetov
Labubus
Die Verkaufszahlen explodierten nach ihrer Einführung Ende 2023: Im Jahr 2024 nahm Pop Mart alleine mit Labubus noch 480 Mio. Dollar ein, in diesem Jahr war es mehr als eine Milliarde.
Der enorme Erfolg von Pop Mart hat zu Nachahmern geführt. Wenn die kleinen Teufelchen mal wieder ausverkauft sind, stürmen die Kunden eben den Konkurrenten MiniSo, der seit Kurzem Puppen des Disney-Aliens „Stitch“ zu seinem Sortiment zählt.
All die Berichte über den stagnierenden Konsum in China wirken im Anblick der belagerungsähnlichen Zustände in Spielzeugläden wie ausgedacht. Doch gerade sie sind ein Symptom der krankenden Wirtschaft: Eine ganze Generation glaubt aufgrund der stagnierenden Löhne und anhaltenden Immobilienkrise nicht mehr daran, sich jemals ein Eigenheim leisten zu können. Ohne Hoffnung für die Zukunft geben sie ihr Geld lieber für Spaß im Hier und Jetzt aus: Kleidung, Spielzeug, Sammelkarten. „Kidulting“ nennt sich das im Fachjargon.
Flucht vor dem Stress
Etwa zwei Kilometer von der Pop-Mart-Filiale in Chengdu entfernt liegt der Park des Volkes. Unter dem Schatten der Trauerweiden ist hier ein Meer aus Plastikstühlen und -tischen aufgebaut, überall klickt und klackert es, immer wieder ist Gelächter zu hören. Dutzende Jugendliche haben den Parkabschnitt eingenommen, um ein ganztägiges Mahjong-Turnier zu veranstalten – jenes traditionelle Spiel, das Großmütter so gerne mögen. Es riecht nach Grüntee und Zigaretten.
„In Chengdu haben die Menschen Zeit“, lautet ein chinesisches Sprichwort.
Bewohner der reichen Küstenmetropolen im Osten (Shanghai) und Süden (Shenzhen, Guangzhou), nutzen es oft, um die vermeintliche Behäbigkeit der Einwohner von Sichuan zu belächeln. Heute, in der Ära der „996-Arbeitswoche“ – neun Uhr morgens bis neun Uhr abends, an sechs Tagen – ist Zeit genau das, was den meisten jungen Chinesen fehlt. Das entschleunigte Leben am Fuße der Berge, es ist für sie erstrebenswert geworden.
Sind die Spielzeugkäufe ein kurzfristiger Ausbruch aus dem Alltag, so ist die Flucht aus den Küstenmetropolen die langfristige Abkehr von jenem Lebensmodell, das China reich gemacht hat: Für die junge Generation gilt das Versprechen nicht mehr, laut dem harte Arbeit automatisch zum sozialen Aufstieg führt. Stattdessen stehen sie …read more
Source:: Kurier.at – Politik



