
Hinter dem Zeug fürs Bleigießen und den lustigen Silvesterbrillen liegen sie das ganze Jahr über ab. Am 1. Jänner aber holt man sie von ganz oben vom Kasten herunter, die angestaubten Musikwürdigungsphrasen, die sonst nur noch in Dienst-nach-Vorschrift-Politikerreden zu mancher Festspieleröffnung vorkommen: Musik, das ist doch das, bei dem die Menschen in Freude zusammenkommen, ein Türchen, durch das man kurz in Richtung Menschlichkeit, wenn nicht gar Weltfrieden schauen kann, bevor man das Ganze nach dem Neujahrskonzert wieder einpackt und den Rest des Jahres an unauffälliger Stelle verstaut, damit es nicht bei der miesen Geschäftigkeit der anderen 364 Tage stört.
Vielleicht aber hallen sie 2026 ein bisschen länger nach, die Gedanken dazu, wieviel dringliche Wirklichkeit in diesen entkernten Kunst- und Kulturphrasen gerade jetzt wieder zu finden wäre. Wenn, dann liegt das nicht zuletzt an Yannick Nézet-Séguin: Er war, wie schön, bei seinem Debüt am Pult des Prestigekonzerts der Wiener Philharmoniker ein dermaßen ansteckender Freudenkatalysator, ein Sinnbild für’s Gefühl, dass man mit ganz unerwarteter Beschwingtheit und, huch, Optimismus in ein Jahr startete, das von Kultursparmaßnahmen und anderen Fehlentwicklungen geprägt sein wird.
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Am Pult stand, mit glücklichem Schalk im Blick und aufmunterndem Lächeln, der vielleicht größte Fan dessen, was da gerade passiert, sein Gustav-Mahler-Partiturentattoo von einem tiefblauen Cut verhüllt, und versprühte all das, was man dieser Musik in weniger freudvollen Stunden nur noch theoretisch zuzuschreiben vermag: Und sie lebt ja doch. Nézet-Séguin strahlte mit seiner Hemdkragenbrosche um die Wette, wenn man nicht aufpasste, strahlte man mit. Das taten, so meinte man, auch die blendend gestimmten Philharmoniker: Man spürte und hörte den gut geprobtem Eifer, mit dem Orchester und Dirigent einander begegnen.
Donau, so multikulti
Dabei war die Musik vielleicht einen Tick weniger gezielt auf gute Laune getrimmt als bei anderen Neujahrskonzerten. Klar, man hörte phasenweise schönes Kunsthandwerk mit ein paar Kunststückchen, deren Humor längst dezidiert veronkelt ist (für das deutsche Publikum: So wie Hans Christian Lumbyes „Københavns Jernbane-Damp-Galop“ hört es sich an, wenn ein Zug pünktlich einfährt).
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Aber Nézet-Séguin und die Philharmoniker ließen manche Operette wie Oper klingen und setzten ein paar Widerhaken, die gerade in diesem traditionsgeschwängerten Kontext Wirkung zeigten.
Carl Michael Ziehrers groß gedachte „Donausagen“, der anspruchsvolle zweite Eintrag im Programm, etwa weitete den Blick darauf, dass in den Menschen und der Musik von Hierzulande auch immer schon ein Anderswo mitgemeint war.
Auch gleich zwei Frauen – eine Verdoppelung! – standen auf dem Programm. Josephine Weinlichs „Sirenen Lieder“ waren leider nicht ganz so verführerisch, aber der „Rainbow Waltz“ der afroamerikanischen Komponistin Florence Price brachte eine Emotion ins Spiel, die sonst nicht immer am 1. Jänner zu erleben ist: Erstaunen und Trauer darüber, unter welch bitteren Bedingungen – hier: das rassistische Amerika – fröhliche Musik entstehen kann. Da steht wieder so eine Kulturphrase im Raum: Ohne Musik keine Menschheit.
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Aber natürlich gab es auch die unbeschwerten Highlights dessen, womit man sich am 1. Jänner gerne emotional aufladen will: Eine fantastische Fledermaus-Quadrille, etwa, bei der das Orchester mal eben locker bewies, dass zumindest hierbei niemand in der selben Liga spielt. Später dann, im wie immer …read more
Source:: Kurier.at – Kultur



