Bildhauerei, die Wärme spendet: Judith Fegerl im OK Linz

Kultur
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Das hat man auch nicht jeden Tag: Eine Gruppe von Säulen, die Wärme abstrahlen, geformt aus Kupferplatten, die Zwischenräume mit Lehm ausgegossen. Wer einmal das Privileg hatte, den großen Bildhauer Joannis Avramidis (1922–2016) in seinem Atelier im Wiener Prater zu besuchen, denkt vielleicht an dessen Figuren, die eine ähnliche Struktur aufwiesen und zu abstrahierten Menschen- oder auch Pferdeköpfen geformt waren – stets das Wesentliche, Lebendige im Blick.

Judith Fegerl, die zufällig ebenfalls ihre Arbeitsstätte in den Praterateliers hat, gehört zu den führenden Exponentinnen einer Generation, die die Tradition der Bildhauerei in Österreich weiterdenkt und weiterdreht: Hin ins Dynamische, mit Bewusstsein und Sensibilität für Technologie, Energie, Ökologie und für die Bedingungen des Ausstellungsbetriebs.

Pia-Maria WatzenboeckHeizung aufdrehen!

Mit der Ausstellung „calorie“ im OK (Offenes Kulturhaus) in Linz macht Fegerl nun ein neues Kapitel auf – und auch wieder nicht. Neu ist die Dimension der Installation (hier passt das Wort wirklich), die viele bisherige Arbeiten in den Schatten stellt – und auch das Material: Statt der Auseinandersetzung mit Elektrizität, die durch Solarzellen, Induktionsplatten und Widerstände rauscht, sind es nun Heizapparate, die zum Ausgangspunkt einer neuen Serie von Skulpturen werden. Doch wie schon in früheren Arbeiten geht es um die größeren Zusammenhänge.

Günter Richard Wett

Die Säulen, die Besucherinnen und Besuchern im Halbstock des OK begegnen, sind letztlich nur Vorboten des größeren Unterfangens: Um die Objekte zu Heiz-Körpern zu machen, hat Fegerl sie an das Heizsystem des Ausstellungshauses angeschlossen.

Avantgarde-Schwammerl?

Erst im Hauptraum der Schau, der durch Herausnahme aller Fensterverkleidungen ungewohnt hell und hoch zur Geltung kommt, wird die Operation am offenen Herzen der Haustechnik richtig sichtbar: Von den Heizungsanschlüssen schlängeln sich Kupferrohre ins Zwischengeschoss hinaus, andere sind auf verschlungenen Wegen mit andern, großen Skulpturen verbunden. Deren Form gemaht einerseits an technische Bauteile wie Tauchsieder oder Maschinen-Heizelemente, andererseits aber an Wesen mit Eigenleben. Wer etwa Fegerls Solar-Objekt im Hof des Wiener MuseumsQuartiers kennt, wird den Stil wiedererkennen. Skulptur-Kenner werden außerdem Assoziationen spinnen – am Boden flach eingelassene Rohre könnten etwa als Anspielung auf Minimal-Skulpturen von Carl Andre gelesen werden. Als Fußbodenheizung natürlich auch.

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Günter Richard Wett

Doch es ist die Verschaltung, die Fegerls Objekte über den Status avantgardistischer Heizschwammerln emporhebt. Wie jeder Bewohner eines Mehrparteienhauses weiß, zieht jede Veränderung der Gebäude-Infrastruktur einen bürokratischen Rattenschwanz nach sich. Ein Haus mit laufendem Ausstellungsbetrieb, das Sicherheitsstandards gewährleisten und beheizt werden muss, stellt nochmals andere Anforderungen – erst recht, wenn verschiedene öffentliche Träger dafür zuständig sind.

Geschlecht, Macht, Technik

Die Künstlerin versteht ihre Interventionen stets als ein Sichtbarmachen: Nicht nur Energieflüsse, auch Machtstrukturen kristallisieren sich an den Objekten heraus.

Darauf, dass Fegerl dabei feministische Ideen verfolgt, deutet im OK das Kupfer hin: Das Metall wurde in der Alchemie mit der Göttin Venus und mit Weiblichkeit assoziiert. Auch der gedankliche Zusammenschluss von Frauen/Müttern mit „Wärmespenderinnen“ liegt nicht fern. 

Günter Richard Wett

In weiteren Räumen der Schau sind Arbeiten platziert, die dieses Thema weiterspinnen: Mit „Galatean Heritage“ schuf Fegerl etwa 2007 eine Strickmaschine, die an Nabelschnüre erinnernde Wollwürste produziert: Das Ding hält überlieferten Ideen zu weiblicher Kreativität und (Re-)produktivität – Stichwort „Gebärmaschine“ – ebenso den Spiegel vor wie neuen Automatisierungsfantasien. Als gewiefte Ingenieurin …read more

Source:: Kurier.at – Kultur

      

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