
Wolfgang Sobotka feiert am Montag 70. Geburtstag.
KURIER: Sind Sie in Ihrer neuen Funktion dazu da, das ÖVP-Profil zu schärfen?
Wolfgang Sobotka: Als Thinktank vom Campus Tivoli leisten wir inhaltliche Arbeit, organisieren Veranstaltungen und haben einen gesetzlichen Bildungsauftrag. Und da geht es darum, unser Fundament zu betrachten – was wiederum mit dem Profil zusammenpasst: Woher kommen wir? Wer erklärt, dass wir liberale Wurzeln haben? Wir sind konservativ, aber nicht in dem Sinne, dass wir nicht verändern wollen, sondern weiterentwickeln. Konservativ ist ja entstanden als Idee gegenüber den Revolutionären. Wir wollen kein anarchisches Canceln des Ist-Zustandes.
Bei Schwarz-Grün dominierten die Grünen, jetzt scheint es so, als würden die Sozialdemokraten stärkere Akzente als die ÖVP in der Regierung setzen. Ärgert Sie das?
Für eine Partei der Mitte ist es schwieriger, ihre Position klar zu kommunizieren. Der Rand und die Extreme können sich immer deutlicher positionieren, aber ohne echte Lösungen anzubieten. Ich glaube, es ist wichtig, das Gefühl der Gemeinsamkeit wieder zu stärken, was Bundeskanzler Christian Stocker auch versucht. Ich sehe eine gute Zukunft, wenn der ehrliche Kompromiss wieder positiv gesehen wird.
Sie gelten einerseits als Polterer, andererseits als gebildeter, musischer Mensch. Wie passt das zusammen?
Ich bin sicher ein emotionaler Mensch, manchmal überschießend. Es tut mir leid und war nie meine Absicht, wenn ich gelegentlich jemanden verletzt habe. Aber eine Sache mit Intensität und Herzblut zu vertreten, wohnt mir inne. Kunst, Literatur und Musik haben mich immer interessiert. Dank Konrad Paul Liessmann bin ich nun auch zur Philosophie gekommen.
War es Ihnen egal, oft unten im OGM-Vertrauensindex zu sein?
Vielleicht bin ich nicht so sympathisch. Wenn man einem Chef loyal dient, muss man das eine oder andere einstecken. Da war ich manchmal vielleicht nicht nur die rechte Hand, sondern auch die rechte Faust. Damit muss man leben.
Im Ibiza-U-Ausschuss waren Sie ein umstrittener Vorsitzender.
Da fühlte ich mich oft missverstanden. Ich habe mich strikt an die Vorgaben der Verfahrensrichterin gehalten, aber auf viele Provokationen straight reagiert. Ich hätte mir das sparen können.
Den Vorsitz?
Ja, in der derzeitigen Form ist es nicht gut, wenn man die Partei repräsentiert, die untersucht wird.
Hat Sie das beschädigt?
Nein, beschädigt ist man nur, wenn man an der Seele erkrankt. Daheim habe ich immer den Anzug ausgezogen und war wieder ganz normaler Familienvater.
Was störte Sie am Ausschuss?
Diese Ausschüsse sind zu lang. Eine Verfahrensrichterin ist ja zurückgetreten, weil sie meinte, das sei schlimmer als in einem Strafprozess. Mir hat es leidgetan, wie Auskunftspersonen unter Druck gesetzt wurden. Manche wurden sogar zur Anzeige gebracht, was ich für einen Missbrauch des Untersuchungsausschusses halte. Der Untersuchungsausschuss ist die schärfste Waffe der Opposition, und politische Auseinandersetzungen in den Gerichtssaal zu verlegen statt ins Parlament, halte ich für falsch.
Die Geschichtsschreibung ist Christdemokraten gegenüber derzeit nicht gerade freundlich, siehe die Debatte um den christlich-sozialen Wiener Bürgermeister Karl Lueger. Stört Sie das?
Man muss klarlegen, dass Lueger ein Antisemit war. Aber ist es das Einzige, was geblieben ist? Lueger war so bedeutend für die Entwicklung dieser Stadt! Auch Staatsgründer Karl Renner (Sozialdemokrat, Anm.) war ein bekennender Antisemit. Dass ein Antifaschist, wie von Linken behauptet, nie ein Antisemit sein kann, …read more
Source:: Kurier.at – Politik



