
In einem ersten Band hatten Johann Frank und Johannes Berchtold die „Fundamente von Freiheit und Sicherheit in Europa“ in den Fokus genommen. Nun legen die beiden noch einmal nach: „Ethos der Macht“ heißt der noch weit umfangreichere zweite von ihnen herausgegebene Band – und auch hier geht es um Europa bzw. den „Westen“.
Auch diesmal befindet sich der Philosoph Peter Sloterdijk unter den zahlreichen Autoren. Konstitutiv für Europa ist aus seiner Sicht ein im 14. Jahrhundert einsetzender Prozess, den er als „mehr als sieben Jahrhunderte übergreifenden Lernzusammenhang“ beschreibt. Entscheidend dabei: Dieser Prozess ist „selbstverstärkend“: „Gelerntes und Erreichtes“ befördern weiteres Lernen und Streben. „Wo eine erste Exzellenz erreicht ist, können weitere Auszeichnungen wie unbemüht folgen.“ Dieser Gedanke ist, auch darauf verweist Sloterdijk, bereits im Neuen Testament zu finden: „Denn wer hat, dem wird gegeben“, heißt es im Matthäusevangelium (Mt 25,29; der sogenannte „Matthäus-Effekt“, © R. Merton).
Sloterdijks – diversen linken Utopien entgegenstehendes – Fazit: „Die Triade aus Technik, Individualimus und Geldwirtschaft setzte sich als effektives Modernisierungsbündnis praktisch überall durch […]“
„Hypermoralismus“
Da finden sich durchaus Anknüpfungspunkte zu einem anderen Beitrag in dem Band – jenem des Althistorikers Egon Flaig. Dieser sieht das „kulturelle Selbstverständnis der Europäer […] akut bedroht“. Die „dominierenden Diskurse“ gäben „keine Auskunft darüber, welche Werte unsere europäische Identität konstituieren“.
Flaig kritisiert eine westliche Erinnerungskultur, welche vorwiegend die Schattenseiten und Verbrechen der eigenen Geschichte reflektiert. Ohne positives Verhältnis zu den eigenen Wurzeln verliere aber die Vergangenheit ihre Funktion als „Speicher von Haltepunkten und Landmarken“. Die Folge: ein „Hypermoralismus, der selbst keine Maßstäbe mehr hat“. Und weiter: Wer der eigenen Kultur nichts zu verdanken glaube, fühle sich berechtigt, „das Gemeinwesen als Milchkuh anzusehen“. Das Ergebnis sei ein „Wohlfahrtsstaat“, der „unablässig Ansprüche“ erzeuge; gestützt durch eine mediale Welt, welche „in gleichschrittiger Eintracht mit der NGO-Kultur“ agiere.
Im Schlusskapitel der Herausgeber wird ein Bogen zurück zu Sloterdijk geschlagen: ein Appell zum Fortschreiben des Lernprozesses, zur Besinnung auf die europäische Bildungstradition. Der auch eine deutliche Warnung vor Naivität bezüglich Migration und „Kulturen, die unser Wertesystem nicht teilen“ einschließt.
Duncker & Humblot
Johann Frank, Johannes Berchtold (Hg.): „Ethos der Macht“, Duncker & Humblot, 740 Seiten, 59,90 Euro
Source:: Kurier.at – Kultur



