
KURIER: Als Sie den Booker Prize bekommen haben, wurden Sie gleich von den Wienern vereinnahmt, es hieß, ein Wahlwiener habe gewonnen. Stimmt das so?
David Szalay: Es ist ein bisschen komplizierter als das. Ich habe eine Wohnung in Wien, verbringe aber viel Zeit in Ungarn, woher ich stamme, und außerdem in Slowenien, wo wir auch wohnen.
Sie wissen ja, die Österreicher machen das immer mit Gewinnern. Sie vereinnahmen sie. Am liebsten würden sie auch Beethoven für sich reklamieren.
Haha, das glaub ich, aber das machen die anderen auch. Auch die Ungarn und die Kanadier wollen mich für sich reklamieren.
Sie wurden in Kanada geboren.
Ja, ein Teil meiner Familie lebt noch dort. Ich bin aber in Großbritannien aufgewachsen. Rein technisch dürfen sich auch die Kanadier über den Preis freuen, ich habe die kanadische Staatsbürgerschaft.
Hat Sie dieser Preis jetzt reich und berühmt gemacht?
Die Verleihung ist ja gerade erst einen Monat her. Aber tatsächlich hat mich vor ein paar Tagen jemand auf einem amerikanischen Flughafen erkannt und angesprochen. Das ist mir wirklich noch nie passiert. Ansonsten kann ich berichten, dass natürlich die Buchverkäufe sofort in die Höhe geschnellt sind. Und ich habe auch gehört, dass mein Roman derzeit in ein paar obskure Sprachen übersetzt wird. Außerdem habe ich jetzt ständig Interviewanfragen, die ich sonst wohl nicht hätte.
Die politische Situation ist aktuell in Ungarn recht angespannt, um es milde auszudrücken. Es gibt zwar keine staatliche Zensur für Künstler mehr, aber der politische Druck ist enorm. Selbst der berühmte Schriftsteller Péter Esterházy (2016) berichtete, dass er diesen Druck zu spüren bekommen habe. Was wissen Sie darüber? Denken Sie manchmal, wenn es brenzlig wird, fahr’ ich nach Wien ?
Meine Situation Ungarn betreffend ist kompliziert. Ich schreibe ja nicht auf Ungarisch, also bin ich streng genommen kein ungarischer Schriftsteller. Mein aktuelles Buch kommt nächstes Jahr beim größten Verleger Ungarns heraus. Was ich zur politischen Lage sagen kann: Wir leben hier derzeit in einer Art Grauzone. Die nächsten Wahlen (voraussichtlich im April 2026, Anm.) werden sehr bedeutsam sein. Die Menschen in Ungarn sind sehr nervös. Es steht viel auf dem Spiel für Ungarn.
Wohl auch für Europa. Viktor Orbáns Rolle in der Staatengemeinschaft ist die eines dauernden Störfeuers und Ungarns Beziehung zu Russland ist, gelinde gesagt, fragwürdig.
Ja, Ungarn hat sich mit den meisten Ländern Europas angelegt. Die ganze Situation wirkt verfahren.
Lassen Sie uns über Ihr Buch sprechen. Auf Englisch heißt es „Flesh“, auf Deutsch „Was nicht gesagt werden kann.“ Klingt nett, aber etwas beliebig, oder?
Der deutsche Verleger hat den Titel ausgesucht. Dass er es nicht „Fleisch“ nennen würde, war wohl klar. Also musste er sich etwas anderes einfallen lassen. Der Titel klingt irgendwie literarischer, wer das Buch auf Deutsch liest, wird es gewissermaßen durch eine andere Türe betreten. Der Titel vermittelt eine andere Atmosphäre als der englische. Abgesehen davon, finde ich ihn gut, denn er sagt das aus, worum es hier geht. Um etwas Unaussprechliches.
Da haben Sie wohl recht. Was Ihrem Protagonisten István alles zustößt oder was er tut, ist einerseits so unfassbar, und gleichzeitig geschieht es oder tut er …read more
Source:: Kurier.at – Kultur



