
Neue Sonderschau widmet sich der Zeit von 1914 bis 1918. Dabei begegnet ein anderer Künstler als der, den man zu kennen glaubte
„Es ist besser, auszubrennen, als zu verblassen“, schrieb der Nirvana-Frontman Kurt Cobain kurz vor seinem Suizid im Jahr 1994.
Egon Schiele hätte dergleichen wohl nicht verfasst: Gegen Ende seines kurzen Lebens kostete der österreichische Künstler gerade die Früchte des Erfolgs. Er war ein begehrter Porträtist bei Hofräten und Intellektuellen, denen er auch erotische Blätter verkaufte. Er sah das Ende des Ersten Weltkriegs herannahen und brachte sich für den geistigen Wiederaufbau in Stellung: Er plante eine Wiener „Kunsthalle“, unter deren Dach Kunst, Musik und Theater stattfinden sollte, und ein achteckiges Mausoleum aus weißem Marmor, in dem man umherwandeln und über Tod und Erneuerung sinnieren sollte.
Schiele, ein Spießer?
So ganz geheuer ist einem dieser angehende Kulturfunktionär nicht – und da die Spanische Grippe den Künstler und seine Frau Edith 1918 dahinraffte, bleibt die Frage, was wirklich aus ihm geworden wäre, für immer offen.
Man bleibt also bei der Erzählung, die nach dem Kurt-Cobain-Muster funktioniert und ihn als genialen Sonderling fasst, der innerhalb kürzester Zeit die Kunst revolutionierte und in einem kreativen Furor verglühte.
Tatsächlich aber brachten Krieg, Ehe und die doppelte Schwangerschaft seiner Schwester (das erste, uneheliche Kind wurde erst kürzlich durch neue Dokumentenfunde „entdeckt“) neue Prioritäten und Themen in Schieles Leben und Werk.
Die Ausstellung „Zeiten des Umbruchs“ (bis 13. 7.) konfrontiert mit Dokumenten aus Schieles letzten vier Lebensjahren, die ihn auch als gelinde gesagt unreifen Ehemann dastehen lassen. Wurde die feurige Beziehung mit dem Modell Wally Neuzil oft romantisiert (und schlecht verfilmt), so gilt die 1915 geschlossene Ehe mit der bürgerlichen Nachbarstochter Edith Harms als Beginn der Fadesse in Kunst und Leben.
Leopold MuseumNicht brav, aber unglücklich
Die Co-Kuratorin und Schiele-Koryphäe Jane Kallir zeichnet auf Basis von Ediths Tagebüchern das differenziertere Bild einer gar nicht so braven, aber im Gespann mit Schiele todunglücklichen Frau. In künstlerischer Hinsicht, so Kallir, habe Schiele erst durch seine Frau Empathie gelernt: Dies sei die Voraussetzung für seine Porträts, die Höhepunkte seines späten Schaffens, gewesen.
Abseits davon sind seltsame Bilder aus jener Zeit zu sehen – mit marionettenhaften Figuren mit leeren Augen, die miteinander in einem „Liebesakt“ verkeilt sind, der aber eiskalt und starr erscheint.
Manfred ThumbergerErotik mit Widerhaken
Als Modell für erotische Akte war Edith Harms zurückhaltend, sie wollte nicht erkennbar in Schieles Sammlerschaft herumgereicht werden. Also malte und zeichnete der Künstler bald idealisierte Frauentypen – „saftig“, wie es die Zeitgenossen nannten. Im großen Gemälde „Liegende Frau“ von 1917 fügte Schiele aber eine völlig verkrampft wirkende Hand ein, die inmitten der Inszenierung für den lüsternen Blick wie ein Widerhaken wirkt.
Leopold Museum
Es ist ein widersprüchlicher Typ, der einem in dieser Schau begegnet, sein Werk ist uneben – und hat doch Potenzial. Die unvollendeten Frauenbilder, für besagtes „Mausoleum“ gemalt, wirken bleischwer. Und dann ist da das Bildnis des Künstlerfreundes Albert Paris Gütersloh, in dem die Farbe explodiert und voller Möglichkeiten scheint. Das letztgenannte Gemälde reiste übrigens extra aus Minneapolis an. Warum dem Publikum andernorts Reproduktionen im Gemäldeformat untergejubelt werden, bleibt unverständlich.
Source:: Kurier.at – Kultur