Filmkritik zu „Das Geheimnis von Velazquez“: Aufstieg am Königshof

Kultur

Von Gabriele Flossmann

Narren, Säufer und Heilige hat er porträtiert. Majestäten und ihr Gesinde. Aus der Mythologie, der Bibel und aus Thronsälen: Der spanische Barockmaler Diego Velázquez (1599–1660). Dass er ein Maler profaner Küchenszenen war, bevor er zum Star des spanischen Königshofs aufstieg, nahmen ihm Zeitgenossen übel und übten daran Kritik. Allzu wenig habe sich der Herr Kollege um die griechisch-ideale Schönheit bemüht.

Tatsache war allerdings, dass Velázquez die Wirklichkeit interpretierte. Er war bei Hofe vor allem deshalb so beliebt, weil er in der Lage war, seinen adligen Modellen den Anschein einer individuellen Persönlichkeit zu verleihen. Jedes Porträt wurde zu einem Kommentar, jedes Bild enthielt auch die subjektive Sicht Künstlers. Was aber auch bedeutete, dass die Mitglieder der von Gott erwählten spanischen Herrscherfamilie dem Urteil des Künstlers ausgeliefert waren.

Das Geheimnis, wie Velázquez diese bis dahin einzigartige Machtposition erlangen konnte, versucht der französische Produzent Stéphane Sorlat in dieser Doku zu ergründen. In seiner ersten Regiearbeit kombiniert er Spielszenen mit Interviews und kunsthistorischen Analysen. Der Beginn des Films ist irritierend: Zu Bildern einer Waldlandschaft samt sprudelndem Bächlein ertönt aus dem Off eine Männerstimme. Sie rezitiert einen Text über die Tendenz der späten Velázquez-Bilder zur Abstraktion. Mit einem Schnitt wird klar, dass diese Ausführungen ein Zitat aus Jean-Luc Godards „Pierrot le fou – Elf Uhr nachts“ (1965) sind. Denn plötzlich sitzt Jean-Paul Belmondo in einer Badewanne und liest einem kleinen Mädchen vor. Eine Passage aus einem Buch über Kunsttheorie.

Auch im weiteren Verlauf des Films werden immer wieder schwarz-weiße Archivbilder mit neugedrehten Interviews gemixt. In alten und neuen Interviews schwärmen unter anderem Salvador Dali, Francis Bacon, Marcel Duchamp, Julian Schnabel, der Philosoph Michel Foucault und die Filmemacherin Isabel Coixet von der Kunst des spanischen Hofmalers.

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Obwohl der Titel eine Aufdeckungsgeschichte vermuten lässt, ist die Doku viel eher eine Hommage an Velázquez. Sein Geheimnis wird zum Glück nicht gelüftet. Nach dem Anschauen dieser Doku braucht man jedenfalls einige Zeit, bis man wieder klar denken kann. Denn man wird von der Fülle der kurzen Wortmeldungen und den schnellen Schnitten zwischen Archivund neugedrehtem Material geradezu erschlagen. Kurz: Es wäre wohltuend gewesen, den einzelnen Statements mehr Zeit zu lassen. Auf jeden Fall aber bietet der Film einen kräftigen Stimulationsschub, der unglaublichen Wirkung von Velázquez selbst auf den Grund zu gehen. Mit einem Museumsbesuch.

INFO: FR 2025. 91 Min. Von Stéphane Sorlat. Mit Xavier Albertí, Francis Bacon.

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Source:: Kurier.at – Kultur

      

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