
Anders als Alice in der berühmten Geschichte muss man im MAK, dem Wiener Kaninchenbau für Angewandte Kunst, keinen Zaubertrank schlucken, um ins Wunderland der Epoche „Wien um 1900“ gelangen.
Der Schrumpf-Effekt gelingt hier beim Übergang vom Vorraum, dessen Wand die in Wellen geschwungene Fassade des Weltausstellungs-Pavillons von Josef Hoffmann (1925) nachbildet, zur ersten Vitrine. Dort steht eine Holzkassette von Josef Bartoch (1938), die fast genau dieselbe Wellen-Struktur hat, aber nur 18 cm breit ist.
Das Kleine ist ebenso wichtig wie das Große, Dinge des Alltags wollen ebenso gestaltet sein wie Kunstwerke, und die ambitioniertesten Entwürfe leben von der Sorgfalt fürs Detail: Diese Gestaltungsprinzipien hat sich das MAK für seine wunderschöne, elegante und in vieler Hinsicht überraschende Neugestaltung der Schausammlung „Wien 1900“ zu Herzen genommen.
Die Expertise der für die Sammlung zuständigen Kustodinnen und Kustoden ging dabei eine Symbiose mit den Ideen des Künstlers Markus Schinwald ein, der den thematischen und zeitlichen Bogen weit spannte.
Gesamtkunstwerk
Der Künstler, 1973 geboren und 2011 Österreichs Vertreter auf der Venedig-Biennale, führt selbst die Tradition des Gesamtkunstwerks fort: Interieurs, Gemälde, Möbel und technische Apparate spielen in seiner Arbeit ebenso eine Rolle wie Filme, mit denen er nicht selten surreale, traumartige Szenarien schafft.
In den halbdunklen Wunderkammern des MAK zieht Schinwald nun alle Register: Neben Zoom-Effekten, die allein durch Objekte und Vitrinen zustande kommen (die große Wand, die kleine Box), kommen historisch erprobte optische Blendwerke wie Lamellenbilder oder Spiegelkabinette zum Einsatz.
Eine Wand voller Wiener-Werkstätte-Postkarten etwa verschwindet, wenn man sie aus anderer Perspektive betrachtet; Josef Hoffmanns „Zimmereinrichtung für einen großen Star“ (1937) ist mit silberglänzendem Wandverbau und verspiegeltem Boden nachgebaut. An anderer Stelle nutzt die Präsentation Künstliche Intelligenz, um Ansichten historischer Interieurs bunt zu imaginieren.
Die an Kino und Theater geschulte Anmutung ist aber auch der Rahmen für gedankliche Verbindungen, die für eine Museumspräsentation wirklich neu sind.
Roboter und Essbesteck
So führt Schinwald die Science-Fiction an das oft mit Klimt-Schals umwickelte Themenfeld heran: Bilder von Fritz Langs Film „Metropolis“ (1927) und Friedrich Kieslers Bühne für Karel Čapeks Stück „Rossum’s Universal Robots“ (1923) hängen neben Vitrinen, in denen Glasobjekte der Wiener Werkstätte auf Sockel platziert sind, die wiederum aus Sci-Fi-Büchern bestehen. Essbesteck und Silbergeschirr ist daneben in Form eines Roboters arrangiert.
Der Fokus auf Licht, Technik und Fortschrittsglaube lässt „Wien 1900“ definitiv heutiger erscheinen, als man es bisher gewohnt war: Schinwald sieht die Epoche nicht als Ausläufer des neunzehnten Jahrhunderts, sondern als Rückgrat des zwanzigsten. Dass er manchmal in ebendieser Zeit wildert – der Lobmeyr-Luster für die Met-Opera von 1966 ist gewiss nicht mehr „Jahrhundertwende“ – mögen Puristen bemängeln, argumentieren lässt sich die Ausweitung aber.
Doch auch das touristische Herzstück der Sammlung – Gustav Klimts neunteilige Werkzeichnung für den „Stoclet-Fries“ (1908–1911) – ist wunderbar aufgestellt: Mit viel Platz, um davor zu verweilen, aber auch mit der Möglichkeit zur Nahsicht, um etwa Klimts handschriftliche Notizen („Blumen in Mosaik ausführen!“) zu entziffern.
Adolf Loos, beinahe gecancelt
Ein anderer Ex-Hausheiliger, Adolf Loos, ist dagegen nur in einer Vitrine präsent. Einen pointierten, kritischen Text über Loos’ pädophile Straftaten („Nicht das Ornament war das Verbrechen“) und die generelle Verknüpfung von „Genialität und gesellschaftlicher Dominanz“ muss man …read more
Source:: Kurier.at – Kultur



