„Iolanta“ muss bei der Staatsopern-Premiere „die Hölle sehen“

Kultur

Am Montag kommt Tschaikowskis 90-Minuten-Werk zur Premiere. Regisseur Evgeny Titov über die unbequeme Realität, das wahre Leben und „unmenschliche“ Buhrufe.

Regisseur Evgeny Titov will seine Inszenierung, mit der er zum ersten Mal seit 125 Jahren am Montag Tschaikowskis „Iolanta“ wieder auf die Staatsopern-Bühne bringt, im KURIER-Gespräch „nicht ganz spoilern“. Aber er ist „gespannt, wie das Publikum reagieren wird“: Er will sich nämlich anhand des Märchens von der blinden Prinzessin, die wieder sehend wird, der Frage widmen: „Was sieht man, wenn man wirklich sehend wird?“

Wenn man so auf die Welt blickt, scheint klar: nicht nur Gutes. „Wer das Licht sieht, muss auch den Schatten sehen“, sagt Titov.

Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

„Iolanta“ ist ein bisschen ein Auskennerwerk. Es geht in Tschaikowskis letzter Oper um eine Prinzessin, die blind ist, aber auch nicht geheilt werden will. Erst die wahre Liebe bringt sie dazu, einzuwilligen. Das Werk ist selten gespielt – und wenn, dann meist in Kombination mit einem zweiten, da es für Opernverhältnisse mit 90 Minuten vergleichsweise kurz ist. Schon eher komplizierte Voraussetzungen für einen Regisseur. Mag er Druck? „Druck ist immer da. Man möchte dem, was man tut, gerecht werden“, sagt Titov.

Ausgeblendet

Die Dauer des Werks findet Titov, der damit sein Staatsopern-Debüt gibt, „völlig ausreichend“: „Es geht nicht um die Länge, sondern darum, was es mit den Menschen macht“, erklärt er. Er will das Publikum aus der „Iolanta“ mit neuen Gedanken und Emotionen aufladen. Dafür biete sich gerade dieses Werk an, mit der Reflexion über das Nicht-Sehen und das Sehen, über Licht und Schatten und all den Kontexten, die es hier gibt. Denn eigentlich „blenden wir sehr gerne Sachen aus“, sagt der Regisseur.

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Man müsse aber „die Realität in ihrer Gesamtheit wahrnehmen, auch wenn es unbequem ist.“

Diese Dualität von Licht und Schatten bildet sich beispielsweise in der Beziehung zwischen Iolanta und ihrem Vater ab. „Er schützt sie mit aller Kraft und Brutalität vor der Welt“, sagt der Regisseur. Doch in diesem Schutz liegt auch eine Paradoxie: Der Vater, der seine Tochter liebt, hält sie gleichzeitig gefangen. Iolanta ist unfrei, aber „man kann nicht richtig sehen, wenn man unfrei ist“, erklärt er.

Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Diese Freiheit gehe aber einher mit der Herausforderung, sich der Welt zu stellen: Iolanta wird aus der Geborgenheit ihres Rosengartens gestoßen – „so wie Adam und Eva, die nach dem Biss in den Apfel Schmerz und Leid erfahren, so muss auch Iolanta die Hölle sehen, um das wahre Leben zu erkennen“, erklärt der Regisseur.

Gegen Buhrufe

Man darf also wohl nicht nur ein süßes Tschaikowski-Märchen erwarten. Zuletzt wurde die Regie in der Staatsoper – und an vielen anderen Häusern – für jede größere Interpretationsregung vom Publikum abgestraft.

Titov bezeichnet das Ausbuhen von Künstlern bei Premieren als unmenschlich und unsensibel: „Wenn mir etwas nicht gefällt, muss ich das nicht unbedingt dem anderen Menschen ins Gesicht schreien.“ Er fordert ein respektvolles Miteinander und eine zivilisierte Auseinandersetzung mit Kunst. „Man müsste kurz überlegen, wie wichtig es einem ist, dem anderen unbedingt mitzuteilen, wie schlecht man ihn findet, und was genau hinter diesem Bedürfnis steckt.“

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Source:: Kurier.at – Kultur

      

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