Kriegsgräuel hautnah als Bühnenereignis: „Radio Sarajevo“ in Linz

Kultur

Von Werner Rohrhofer

Der Krieg mit seinen Gräueln hat im Informationszeitalter viele Gesichter: als TV-Reportage, als Zeitungsbericht, als Social-Media-Event – doch selten ist die Darstellung so eindringlich, so hautnah wie in der Produktion „Radio Sarajevo“, die am Freitag in den Linzer Kammerspielen ihre österreichische Erstaufführung erlebte.

„Ganz normale“ Menschen, bei denen plötzlich der Krieg angekommen ist. Eine stringente Dramaturgie, atmosphärische Dichte und eine beeindruckende Ensembleleistung machen das Stück zum nachhaltigen Bühnenereignis. „Radio Sarajevo“ basiert auf dem gleichnamigen autobiografischen Roman des Schriftstellers Tijan Sila (geb. 1981), der als Zehnjähriger miterleben musste, wie im Bosnienkrieg Sarajevo belagert und eingekesselt wurde. Der Titel ist synonym für die Extremsituation, in der das Radio den Menschen als einziges Tor zur Welt geblieben ist, sowohl als Informationsmedium als auch als Möglichkeit, sich durch Musik eine Rest-Normalität zu schaffen.

Kooperation

In der Linzer Inszenierung von Sara Ostertag – in Kooperation mit der Wiener Bühne TEATA in der Gumpendorfer Straße – wird die Zerstörung der vormals heilen Welt durch den Krieg ebenso schonungslos wie effektvoll vor Augen geführt. Vor allem die Geräuschkulisse permanenter Granateneinschläge, Bombenangriffe und Raketen macht die Angst der Menschen deutlich, die anfangs gar nicht glauben wollen oder können, dass es Krieg gibt.

(Styropor)-Trümmer auf der Bühne symbolisieren die Zerstörung. Erschütternd die Versuche von Tijan – er wird von einem erwachsenen Schauspieler dargestellt –, trotz allem Kind zu bleiben. Autor Tijan Sila wollte in seinem Roman ja genau dieses Problem aufzeigen – dass der Krieg den Kindern das Kindsein raubt.

  Eine Zimmerreise im Herz der österreichischen Avantgarde

Deutlich wird in der Linzer Inszenierung auch, wie der Krieg ethnische und religiöse Fronten aufbrechen lässt, wie aus Nachbarn Feinde werden. Hier hat sich Regisseurin Sara Ostertag einen gelungenen „Gegenentwurf“ einfallen lassen: Es wird in vier Sprachen gespielt, in Deutsch, Serbisch, Kroatisch und Bosnisch. Deutsche Übertitel machen die fremdsprachigen Textpassagen für das Publikum verständlich. Im Verlauf der knapp zwei Stunden wird die Sprach-Vierheit im Theatersaal immer mehr zur Normalität. Genau das, was durch den Krieg verloren ging. Und noch etwas bleibt als fatale Erkenntnis dieser Inszenierung: „Radio Sarajevo“ ist heute „Radio Teheran“, „Radio Kiew“ oder wo auch immer der Krieg die Menschen eingekesselt hat.

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Source:: Kurier.at – Kultur

      

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