
Die Tate Modern in London setzt dem Szenestar, Designer und Performancekünstler ein Denkmal. Er beeinflusste Pop und Mode massiv
Der Dresscode lautete: „Zieh dich an, als würde dein Leben davon abhängen.“ Am Eingang hielt der Türsteher den Gästen dann einen Spiegel vor: „Würdest du dich selbst reinlassen?“, fragte er.
Der Club „Taboo“, den Leigh Bowery vom Jänner 1985 bis zum Sommer 1986 in der Londoner Disco „Maximus“ veranstaltete, hatte innerhalb kürzester Zeit Legendenstatus: Als Ort der wildesten Partys, der ausgefallensten Kostüme, des totalen Experiments – und der Drogenexzesse, die letztlich zum Ende des Events führten.
Auch wenn die Partynächte in Pop-Videos, auf Modeschauen und in Club-Events weltweit lange nachhallten, stellt sich die Frage, wie sich die Energie eines solchen Moments konservieren lässt. Dass Leigh Bowery selbst viel darüber nachdachte, legt der Ausstellungsparcours nahe, den die Tate Modern in London dem Mann widmet, der u. a. als „Guru ohne Sekte“, als „Clown ohne Zirkus“ und als „moderne Kunst auf zwei Beinen“ beschrieben wurde (bis 31. 8.).
Bereits 2012/’13 hatte die Kunsthalle Wien eine Schau über Bowery und seinen Einfluss ausgerichtet – allerdings ohne den breiten Zugriff auf den Nachlass, der nun buchstäblich ins Wohnzimmer der Ausnahmefigur blicken lässt.
Dave SwindellsExpedition im Club
Die Wohnung des gebürtigen Australiers, der 1980 im Alter von 19 Jahren nach London übersiedelte, war mit einer „Raumschiff Enterprise“-Tapete ausgekleidet. Das Motto, dorthin vorzudringen, „wo noch nie zuvor ein Mensch gewesen ist“, nahm Bowery, der sich gern überdimensionierte Kapitänsmützen und Fantasieuniformen schneiderte, wörtlich. Seine „Looks“ – schrille Outfits mit Capes, Masken und Körperbemalungen –, verbanden glitzernden Kitsch und Superhelden-Anmutung mit südasiatischen Ornamenten, die Bowery bei Migranten in seiner Londoner Nachbarschaft sah (heute würde man es wohl „kulturelle Aneignung“ nennen.)
Die Kapitel der Schau zeichnen nach, durch welche Arenen sich die Kunstfigur damit bewegte: Clubs und Discos, Theater- und Tanzbühnen, Künstler-Ateliers, aber auch die Straße waren für Bowery ein Hintergrund dafür, sich selbst neu zu erfinden. Das galt auch, wenn er sich als „Normalo“ betont patschert kleidete oder 1991 splitternackt für den Maler Lucian Freud Modell saß.
Bridgeman Images/The Lucian Freud ArchivePsyche und Physis
„Wie eine Psychoanalyse“, gab Bowery zu Protokoll, seien die Sitzungen mit dem Enkel Sigmund Freunds gewesen. Dabei verband das Interesse am menschlichen Körper den Maler, der wie kein zweiter Haut und Fleisch Präsenz verleihen konnte, mit dem Perfomer, der seinen Körper zur Kunst umformte – und sich dabei der Kleidung als Erweiterung und „zweiter Haut“ bediente.
„Ich habe oft das Gefühl, dass ich nicht ganz in Kontrolle meines Körpers bin und denke, dass er vielleicht meinen Eltern oder der Regierung gehört“, sagte Bowery. „Alles Körperliche gibt mir das Gefühl, stärker mit ihm in Verbindung zu stehen.“
Fergus Greer/Michael Hoppen Gallery.
Wer mit dem Bildervorrat des Wiener Aktionismus, mit Nitsch und Brus im Hinterkopf in die Ausstellung geht, sieht zwangsläufig Parallelen und eine Tiefe, die nur wenig mit dem schrillen Partytiger zu tun hat.
Bowery selbst suchte die Anerkennung der Kunstwelt, indem er seine Looks und Posen über mehrere Tag einer renommierten Galerie vor einem Spiegel darbot und diese mit dem Fotografen Fergus Greer in Studiofotos inszenierte. Zu diesem …read more
Source:: Kurier.at – Kultur