Mangas im MAK: „Mädchen sollten niedlich sein. Damit hatte ich ein Problem“

Kultur

Die Leiterin der Asien-Sammlung zeigt ihre eigene „Manga-Biografie“. Sie ist zugleich ein Blick in Japans Gesellschaft um 1990

Ein Jugendzimmer im Großraum Tokio, irgendwann in den frühen 1990er-Jahren: Zwischen Posters, Stofftieren und Videokassetten findet sich ein Regal, in dem die Comicsammlung der jungen Bewohnerin lagert.

Doch das Foto, das am Eingang der kleinen, dichten Schau „Girl Meets Manga“ im MAK-Kunstblättersaal auf Tapetenformat aufgeblasen wurde, zeigt nicht das Zimmer der Frau, die hier ihre Geschichte erzählt: Mio Wakita-Elis hatte als Jugendliche daheim nämlich strenges Manga-Verbot, wie sie erzählt. Gerade ein paar „pädagogische“ Versionen der Comicbücher, die im populären Format Begebenheiten der japanischen Geschichte erzählten, passierten die strenge Zensur der Eltern, die Comics als Schund oder Verdummung betrachteten.

TSUZUKI KyōichiUnter der Decke

Also las Wakita-Elis heimlich unter der Decke in den Büchern, die sie am Schulhof mit Freundinnen getauscht hatte. „Es ging nicht nur um Bilder, sondern auch um bestimmte Sprüche, die für einzelne Figuren typisch waren“, sagt die gebürtige Japanerin, die seit 2019 die MAK-Sammlung Asien betreut.

Dass die geheime Leidenschaft nun zur Museumsausstellung wurde, ist zu einem gewissen Grad ein Experiment: Die kulturgeschichtliche Anbindung der Comics an frühere Hervorbringungen der japanischen Kultur steht nämlich nicht so sehr im Fokus der mit Vitrinen und Schautafeln arrangierten Präsentation, die stellenweise wie ein „begehbares Comic“ anmutet.

MAK/Christian Mendez

Stattdessen setzt sich Wakita-Elis mit Fotos, Büchern, Plattencovers und anderen Memorabilia in einen Zwischenraum der Generationen. Hier könnten Gespräche zwischen Eltern und deren mit Mangas sozialisierten Kindern entstehen, Diskussionen über Popkultur und die Bewertung von Trivialem und Hochwertigem ihren Ausgang nehmen: Es ist der reflektierten wie liebevollen Zusammenstellung zumindest zu wünschen.

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Identitätssuche

Der emotionale Ausgangspunkt waren für Wakita-Elis die Identitätsangebote, die sie in den vielfältigen Comicwelten vorfand: Neben den auf Niedlichkeit getrimmten Frauenbildern gab es immer auch andere Rollenmodelle, die sie als Leserin aus einer sicheren Situation heraus anprobieren konnte.

MAK – Christian Mendez

Dass auch Geschichten wie jene von Oishinbo, in der es um die Rivalität von Gourmetkritikern geht, bei japanischen Teenagern zu Verkaufsschlager werden konnten, hatte laut Wakita-Elis mit dem Zeitgeist der 1980er zu tun: Der wirtschaftliche Aufschwung Japans führte zu jener Zeit dazu, dass Konsum und Mode in einer offensiven Form zelebriert wurden. Für die Kinder jener Epoche war das Angebot überwältigend, der Druck enorm hoch – und die Mangawelt ein Fluchtpunkt. So wird die MAK-Schau letztendlich zu einem Epochenporträt, in dem es um mehr geht als bloß um Comics.

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Source:: Kurier.at – Kultur

      

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