
Von Gabriele Flossmann
Mit einer Retrospektive würdigten die Viennale und das Filmarchiv Austria im Oktober des vergangenen Jahres die Angela Summereder. Sie war es – wie Kritiker sowohl einst als auch heute konstatierten – die den österreichischen Film „aus dem Dornröschenschlaf“ holte. Und das bereits vor 45 Jahren. Mit ihrem Debüt „Zechmeister“, einer Doku, in der die österreichische Filmemacherin einen verzwickten Mordfall aufrollte.
Nun kommt ihr neuer Film „B wie Bartleby“ ins Kino. Bartleby ist die Titelfigur einer Erzählung des US-amerikanischen Schriftstellers Herman Melville („Moby Dick“) aus dem Jahr 1853. Melville beschrieb Bartleby als eine Art Sekretär einer Kanzlei in Manhattan. Einer, der tagaus tagein Akten kopiert. Fleißig im altmodischen Sinne, also mechanisch per Hand. Bis der kafkaeske „Held“ eintönige Arbeit verweigert. Dazu sagt er nicht viel, fast immer nur den einen Satz, mal mürrisch, mal gleichmütig oder flötensanft: „I would prefer not to – Ich würde vorziehen, es nicht zu tun.“ Oder kürzer: „Ich möchte lieber nicht.“ Zunächst sind es bestimmte Arbeitsaufträge, die Bartleby ablehnt, später alle Zumutungen seines Berufes. Melvilles Story zeigt, wie ein „Möchtenicht“ bzw. ein „Tunichtgern“ seinen Chef das Fürchten lehrt – und letztlich an seiner Welt- und Lebensverweigerung zugrunde geht – weil er auch zum Essen eine „Lieber-Nicht“-Haltung hat.
Soweit Bartleby, wie man – vielleicht – erhofft, ihn in Summereders Doku zu sehen. Aber eine Verfilmung von Herman Melvilles Erzählung ist dieser Film definitiv nicht. Er beginnt mit einem Besuch in dessen einstigem Wohnhaus in Massachusetts, das heute ein Museum ist. Empfangen wird man von einem Reenactment der Ehefrau des Schriftstellers, Elizabeth Melville. Aber so wie eine Verweigerung nur dann erfolgen kann, wenn jemand eine Forderung stellt, gehört auch zu jedem Bartleby immer ein Pendant. Im konkreten Fall/Film ist das ein Publikum, das Ansichten, Einsichten und womöglich gar so etwas wie Unterhaltung fordert, und auf der anderen Seite Angela Summereder und ihre Verweigerung einer Verfilmung der Bartleby-Erzählung. Unter dem Motto: „I would prefer not to.“ Stattdessen vermittelt ihre Doku eine Montage aus verschiedenen Lesarten der literarischen Melville-Vorlage. Und Einblicke, wie Summereders verstorbener Lebenspartner Benedikt Zulauf Bartlebys Geschichte umgesetzt hätte. Denn er war es, der sie eigentlich verfilmen wollte. Summereders Version ist also auch eine Art Hommage – an Benedikt Zulauf UND Bartleby.
Damit wird deutlich, dass selbst eine radikale Verweigerung von Kommunikation andere dennoch miteinbezieht. Und irgendwie auch das Publikum. Obwohl man sich beim Anschauen des Films des Öfteren denkt: „I would prefer not to – Ich würde vorziehen, es nicht zu tun.“
INFO: Ö 2025. 72 Min. Von Angela Summereder. Mit Benedikt Zulauf, Beatrice Frey.
Source:: Kurier.at – Kultur



