
Zur Uraufführung von „Das Lied vom Rand der Welt oder Der ,Zigeunerbaron‘“ – eine gut gemeinte Neudeutung des aus der Zeit gefallenen Johann-Strauss-Klassikers.
Die Aufforderung zu Beginn ist geradezu Programm: „Nehmen Sie Platz im Ungewissen!“
Was tun mit dem „Zigeunerbaron“, über den die Zeit hinweggegangen ist? Wie mit der Geschichte rund um Liebe und Standesdünkel, Kapitalismus und Kriegstreiberei in der Gegenwart umgehen, ohne dass der Klassiker, von Johann Strauss als große Oper gedacht und konzipiert, nach heutigem Verständnis aus dem auf der Bühne vor einer Drehscheibe postierten Rahmen fällt?
Neu mit Sozialkritik
Am besten neu schreiben, aber sich stringent an die Handlung der Vorlage von 1885 mit dem längst verpönten Z-Wort im Titel halten, dachte sich Roland Schimmelpfennig, der meistgespielte deutsche Gegenwartsdramatiker.
Und die um ein achtköpfiges Streicherensemble erweiterte Osttiroler Musicbanda Franui tat, was sie am besten kann: das Werk musikalisch bis zur Kenntlichkeit unkonventionell bearbeiten, in der Art von Brecht/Weill verfremden, sarkastisch zuspitzen und – wie ihr Leiter Andreas Schett es nennt – „re-komponieren“. Und dabei die bekannten Arien wie Barinkays berühmtes Auftritts-Couplet „Als flotter Geist, doch früh verwaist“ beibehalten.
Bei der Uraufführung von „Das Lied vom Rand der Welt oder Der ,Zigeunerbaron‘“, einer Eigenproduktion von „Johann Strauss 2025 Wien“, am Dienstag im MuseumsQuartier knallt Tobias Moretti als fies-jovialer Fleischfabrikant Kálmán Zsupán eine tote Sau aufs Parkett.
Victoria Nazarova
David Kerber ist als junger Sandor Bárinkay, adjustiert mit Goldketterl und Tattoos, nach Jahren der Heimatlosigkeit zurück im Land seiner Eltern, in einer unwirtlichen Sumpflandschaft, in einem Milieu bizarr eingekleideter und teils maskierter Menschen (Kostüme: Anna Sünkel): Marginalisierte und Ausgestoßene auf der Suche nach dem Glück.
Vokal überzeugend: Kerber und Miriam Kutrowatz als Fleischerstochter Arsena. Stimmlich eher schrill: Nadja Mchantaf als Gypsy Girl Saffi. Umwerfend komisch: Samouil Stoyanov als exaltierter Conte Carnero im Ganzkörpereinsatz: hüpfend, schreiend, zappelnd, fallend …
Die Raum-Ästhetik (Bühne: Anna Ehrlich) verändert sich durch drei Akte von konkret kleinteilig bis am Ende abstrakt und wird ergänzt durch Videosequenzen.
Victoria NazarovaLachen oder weinen
Im Ungewissen lässt den Zuschauer Nuran David Calis, ab Herbst Schauspieldirektor des Salzburger Landestheaters und als Regisseur Debütant in diesem Genre: Ist’s Operette, der über weite Strecken Humor und Leichtigkeit fehlen, oder doch nur eine mit Gags durchsetzte, gut gemeinte Persiflage, bei der die Protagonisten meist frontal von der Rampe outrieren statt miteinander zu agieren?
Gewiss ist bei der fast dreistündigen märchenhaften Erzählung letztlich das Ungewisse: Ist’s zum Lachen oder Weinen, ist’s traurig oder doch fröhlich?
Immerhin entsteht durch den auch musikalischen Perspektivwechsel und die Tonsprache von Franui eine spannende Ambivalenz. Aber akustisch war leider kein Lorbeer für Textverständlichkeit zu vergeben. Am Ende gab’s freundlichen Applaus und einige Buh-Rufe.
Source:: Kurier.at – Kultur