
Es beginnt mit der (fast) nackten Titelheldin und endet mit einem Bild der Zerstörung: Die Premiere von Tschaikowskis letzter Oper wurde zum akklamierten Erfolg.
125 Jahre war „Iolanta“, uraufgeführt 1892 in St. Petersburg gemeinsam mit dem „Nussknacker“, nicht an der Wiener Staatsoper zu erleben (im Gegensatz etwa zum Theater an der Wien oder zuletzt zur Volksoper). Nun gibt es eine Neuproduktion des 1:40 Stunden dauernden Werkes, als Solitär, ohne Pause und ohne zweitem Stück danach, was durchaus ungewöhnlich ist. Was man jedoch serviert bekommt, ist so stark, dass man keinen Grund hat, sich über Shrinkflation, also weniger Inhalt für das gleiche Geld, zu beklagen. Das Premierenpublikum war zufrieden, man soll ja grundsätzlich lieber aufhören, wenn es am besten ist.
Wiener Staatsoper / Michael Pöhn
„Iolanta“, die letzte Oper von Piotr I. Tschaikowski (das Libretto stammt von seinem Bruder Modest I.), erzählt die Geschichte der blinden Königstochter, die weder weiß, welchen Job ihr Vater genau ausübt, noch dass sie blind ist oder wofür es Augen überhaupt gibt. Sie glaubt, nur zum Weinen. Ihr Vater hat für sie eine Traumwelt erschaffen und versucht mit aller Gewalt zu verhindern, dass sie die Wahrheit erfährt. Gut gemeint also, aber trotzdem ziemlich übergriffig und egozentrisch.
Wer von Geburt an blind ist, so insinuiert dieses Märchen, kommt mit seiner Welt vielleicht nicht so übel zurecht und wünscht sich gar nicht, zu den Sehenden zu gehören. Erst als ein Ritter namens Vaudémont auftaucht und Iolanta über ihre Unkenntnis in Kenntnis setzt, will sie geheilt werden. Das gelingt dank eines maurischen Arztes, Ibn-Hakia genannt, bravourös – ob das allerdings grundsätzlich als Erfolg gewertet werden kann, ist nicht so klar. Iolanta kennt sich in der Welt des Lichts zumindest für ein paar Opernminuten nicht aus, dann ist eh alles wieder gut. Zumindest bei Tschaikowski, aber nicht in dieser Deutung: Regisseur Evgeny Titov zeigt im Schlussbild, dass die reale Welt, wie man sie heutzutage wahrnimmt, nicht ganz so super ist. Wenn man so will, ist diese Neuproduktion also ein heftiger Kommentar zur Zeit, in der viele lieber wegschauen, als sich mit den tragischen Entwicklungen und den Bildern der Zerstörung auseinanderzusetzen. Und sie passt auch einigermaßen zu Österreich, das ja berühmt ist fürs Wegschauen oder Unter-den-Teppich-Kehren.
Diese finale Wendung ist das Plakativste an der Inszenierung, der Rest zum Glück verrätselter und ein echter Gewinn für das Staatsopern-Repertoire. Titov versteht sich fabelhaft aufs Kreieren von Bildern, von üppigen, barocken Tableux – dazu passt auch, dass Sonya Yoncheva, die Protagonistin des Abends, zu Beginn minutenlang so gut wie nackt singen muss, umgeben von Blumenmädchen, die ihr, der Blinden, das Leben schöner machen sollen. Wieso sollte nackte Haut sie stören, wenn sie ja nicht weiß, wer sie wie sieht? Titov bleibt jedenfalls auch in diesem Bild, das leicht allzu vordergründig und spekulativ werden könnte, total diskret und nobel. Und er kann dazu mit dem sehr guten Damenchor erstklassig umgehen. Mit seinem ästhetischen Anspruch und seiner Gesamtkunstwerk-Attitüde erinnert er an visuell beeindruckende Arbeiten etwa von Jan Lauwers.
Und er hat die Popgeschichte so sehr intus, dass er unbeschwert daraus zitieren kann …read more
Source:: Kurier.at – Kultur