Paul Auster als Graphic Novel: Im Labyrinth der Selbstsuche

Kultur
FILE PHOTO: U.S. author Paul Auster poses for a photograph before an interview in Stockholm May 10, 2011.

Schon wieder ein gezeichneter Roman? Viel mehr als das. Paul Austers New-York-Trilogie erhält in der grafischen Umsetzung von Paul Karasik, Lorenzo Mattotti und David Mazzucchelli eine zusätzliche erzählerische Ebene und damit echten Mehrwert.

Die Romane „Stadt aus Glas“, „Schlagschatten“ und „Hinter verschlossenen Türen“ machten den im April 2024 verstorbenen Schriftsteller zum Kultautor. Geheime Hauptdarstellerin ist die Stadt New York. In ihr verlieren und suchen sich und einander die Hauptdarsteller dieser verschachtelten Erzählungen, die im Kern von Selbstsuche und Autorenschaft berichten. Zitate aus Weltliteratur und Popkultur kreisen um das Verhältnis Autor und Protagonist. Motto: Wer bin ich und wenn ja, wie viele?

Wie Humpty Dumpty

Das Spiel mit Identität, Realität und Fiktion wird in diesen Storys meisterhaft auf die Spitze getrieben. Die kulturhistorischen Anspielungen sind zahlreich. Man kann, muss sie aber nicht erkennen, um diese klug gebauten, spannenden Geschichten faszinierend zu finden. Was Auster hier macht, erinnert etwa an den spanischen Barockmaler Velázquez, der sich selbst in Gemälden versteckte – so, wie auch hier ein gewisser Paul Auster vor– und nicht immer gut wegkommt. Oder an den niederländischen Grafiker M. C. Escher und dessen Treppen, die ins Nichts führen. Auf der Hand liegen auch Bezüge zu „Alice im Wunderland“, etwa in „Stadt aus Glas“: Hauptdarsteller Daniel Quinn, eigentlich Krimiautor, schlüpft, angeblich, um einen Mord zu verhindern, in die Rolle eines Privatdetektivs und wird selbst in eine unglaubliche Geschichte verwickelt. Bei der Jagd durch New York verliert er sich in einem Labyrinth der Selbstsuche und zersplittert – ähnlich, wie es Humpty Dumpty aus „Alice“ widerfährt.

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REUTERS/Bob StrongRollentausch

„Stadt aus Glas“ wurde bereits 1994 von Paul Karasik und David Mazzucchelli als Comic adaptiert. Paul Auster selbst war damals der Meinung, der Comic komme dem Roman sehr nahe, „weil er etwas verdichtet und ausstrahlt, das nur in der Zeichnung erreicht werden kann“.

Jetzt wurden auch die beiden anderen Romane umgesetzt. „Schlagschatten“ von Paul Karasik und Lorenzo Mattotti (der auch als Coverzeichner für The New Yorker arbeitet), „Hinter verschlossenen Türen“ von Paul Karasik allein, er hatte auch die Gesamtleitung des Projekts inne. So ähnlich die drei Storys sind – es handelt sich um Variationen klassischer Detektivgeschichten, in denen Verfolger und Verfolgter mitunter Rollen tauschen – so unterschiedlich ist die grafische Umsetzung. Der erste Teil beginnt als klassische Bildergeschichte mit Film noir-Anmutung. Schöne Frauen, dunkle Schatten. Und sehr viel Liebe zum Detail. Der Hauptdarsteller verliert sich im Labyrinth der Stadt, hier auf einer gezeichneten Karte. An anderer Stelle wird er selbst Teil einer Ziegelmauer. Vom endgültigen Identitätsverlust erzählt etwa der Stilwechsel in der Schriftart.

Riesengroßes Gehirn

Teil zwei, „Schlagschatten“, hat weniger klassische Comic-Anmutung. Meist dominiert ein Bild pro Seite. Strenge Schwarz-Weiß-Schraffierungen erinnern an ein düsteres Kinderbuch. Im Lauf der Geschichte – Mr. Blue observiert in Auftrag von Mr. White einen gewissen Mr. Black – werden auch die Bilder unkonventioneller. Man unterhält sich über US-Literaturklassiker von Henry David Thoreau über Walt Whitman bis zu Nathaniel Hawthorne (eine seiner Kurzgeschichten über das Verschwinden eines Mannes hat hier Pate gestanden) – und ein riesengroßes Gehirn liegt auf der Straße. Immer wieder sitzt der Beobachtete in einem schuhschachtelartigen …read more

Source:: Kurier.at – Kultur

      

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