Preisträger der Diagonale: Das Leben auf Stopptaste gedrückt

Kultur

Der Große Preis für besten Spielfilm geht an Mo Harawe für „The Village Next to Paradise“, Lisa Polsters „Bürglkopf“ wird als beste Doku ausgezeichnet

Wer Ruhe und Entspannung sucht, ist in der Tiroler Marktgemeinde Fieberbrunn gerade richtig. Herrliche Berge, grüne Wiesen und schöne Wälder laden zum Spaziergang ein – so lange, bis man vor einem Schild steht: „Zutritt für Unbefugte verboten“.

Unbefugt ist zum Beispiel das Filmteam rund um Lisa Polster, das sich auf den steilen Weg Richtung Rückkehrzentrum Bürglkopf gemacht hat. Es befindet sich auf 1.300 Metern Höhe weit abgelegen auf dem gleichnamigen Berg. Dort sollen Menschen im Asylverfahren mit Rückkehrberatung zur Ausreise bewegt werden.

Lisa Polster würde gerne die Betroffenen dort besuchen und sie nach ihren Lebensumständen befragen. Das wird seitens der Behörden abgelehnt. Aber, sagt eine zuständige Dame leutselig im Auto der Regisseurin auf Speakerphone: „Wir sagen den Leuten immer: Genießt es! So viel Ruhe habt ihr nie wieder.“

Lisa Polster/sixpackfilm

Beneiden das Leben der Kühe: „Bürglkopf“ von Lisa Polster erhält den Großen Preis der Diagonale für beste Doku

Doch gerade der zwangsverordnete Stillstand und die Isolation sind es, die die Gestrandeten – ausschließlich Männer – in die Verzweiflung treiben. Der Weg ins Dorf dauert Stunden, das Internet ist schlecht, und wer mit seiner Familie kommunizieren will, muss sich irgendwo im Wald ein Plätzlichen suchen. Dort findet die Regisseurin auch ihre versprengten Interviewpartner: Trost- und tatenlos sitzen die jungen Männer im Grünen und beneiden das unbesorgte Dasein der weidenden Kühe. Ihr Leben ist auf unbestimmte Zeit – manchen bleiben bis zu 595 Tagen auf dem Bürglkopf – auf die Stopptaste gedrückt.

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„Bürglkopf“ nennt Lisa Polster ihre eindrucksstarke, streckenweise herzzerreißende Doku über das Rückkehrzentrum Bürglkopf, das einer der Tiroler Dorfbewohner ohne falsche Sentimentalität als Abschiebezentrum bezeichnet. Im Finale der Diagonale erhielt sie dafür den Großen Preis für den besten Dokumentarfilm.

Damit wurde eine Arbeit ausgezeichnet, die im österreichischen Dokumentarfilmschaffen – und nicht nur dort – einen klaren, thematischen Schwerpunkt setzt. Lag der Fokus im letzten Jahr der Diagonale bei den Dokus auf Pflege und Altwerden, so richtete sich heuer die Aufmerksamkeit deutlich auf Herkunft und Heimatlosigkeit, Zugehörigkeit und Rassismus. So erfährt etwa die seit ihrer Geburt in Österreich lebende Filmemacherin Olga Kosanović am eigenen Leib, wie schwierig es ist, die österreichische Staatsbürgerschaft zu erhalten. In ihrer Autofiktion „Noch lange keine Lipizzaner“ durchlebt sie die Hindernisse, die das restriktive österreichische Einbürgerungsgesetz für seine Ansuchenden bereithält.

Auch der neue Film der Dokumentaristin Ivette Löcker, deren Werk die Diagonale einen Programmschwerpunkt gesetzt hat, befasst sich mit den Mühen, mit denen sich ein Paar – sie ist Österreicherin, er stammt aus Gambia – nicht nur durch das Dickicht der Bürokratie schlägt, sondern auch Alltagsrassismus bewältigen müssen – ein Thema, mit dem sich auch „Austroschwarz“ von Mwita Mataro und Helmut Karner befasst.

Zugehörigkeit

Im weiteren Sinn passt auch das exzellente Langspielfilmdebüt „The Village Next to Paradise“ von Mo Harawe ins Bild, das auf dem Filmfestival in Cannes Premiere feierte und nun den Großen Preis der Diagonale für den besten Spielfilm gewann: Der österreichische Regisseur, der aus Somalia stammt, rekonstruiert zwar keine Fluchtgeschichte. Doch in …read more

Source:: Kurier.at – Kultur

      

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