
Die österreichische Newcomerin verbindet auf ihrem Debütalbum „Sheepman“ Folk mit Jazz, verarbeitet Erlebtes und hinterfragt Geschlechterrollen.
Sodl sitzt auf der Treppe vor der Hauptbücherei am Urban-Loritz-Platz in Wien. Sie will Ruhe haben, sich in ihr Buch vertiefen. Ein Gruppe von Männern pfeift und redet sie an, gibt keine Ruhe, auch nachdem sie ihnen gesagt hat, dass sie kein Interesse hat. Einen Tag später schreibt die als Anja Sodnikar geborene Musikerin darüber den Song „Father’s Tears“, dem die Wut über den Vorfall anzuhören ist. Über einem punkig lauten Gitarren-Schwall macht sie ihrem Ärger Luft.
„Ich habe mich nicht bedroht gefühlt, denn es war helllichter Tag“, erinnert sich die zierliche 21-Jährige im KURIER-Gespräch. „Aber ich bin ja kein Mensch, der viel Platz einnimmt. Was mich so genervt hat, war, dass sie mir dieses Plätzchen nicht gönnten, dachten ich bin ihr Opferobjekt, das sie sekkieren können. Und am nächsten Tag ist mir dasselbe passiert, als sich zwei Männer zu mir auf eine Parkbank gesetzt haben.“
In „Father’s Tears“, dem ersten Song auf ihrem Debüt-Album „Sheepman“, verbindet Sodl das Erlebte mit einem Vater, der sich nicht erlaubt, zu weinen: „Da geht es nicht um meinen Vater. Ich stelle damit die These auf, dass wenn Männer ein bisschen mehr weinen würden, viele schlimme Sachen nicht passieren würden. Ich habe das Gefühl, dieses Ego-Gehabe kommt daher, dass sie ihre Schwächen nicht akzeptieren. Es kommt von unterdrückten Emotionen und aus der Hemmung, zu sagen: ,Nimm mich in den Arm, ich muss weinen!‘“
Der Energieausbruch zu Beginn des Albums ist kein immer zuverlässiger Hinweis auf den Sound der restlichen Songs. Sodl, ein erklärter Jimi-Hendrix-Fan, verarbeitet viele Einflüsse, bringt Folk genauso ein, wie – „wegen der knackigen Rhythmen“ – Elemente aus dem Jazz.
Von FM4-Moderator entdeckt
Schon mit acht Jahren entdeckte sie bei einem Auftritt mit ihrem Akkordeon in einem Stadl im ländlichen Salzkammergut, wo sie in einer musikalischen Familie aufgewachsen ist, dass sie die Bühne liebt. „Es gab kein ungutes Gefühl, weil ich von vielen Menschen angeschaut wurde, ich habe mich dabei extrem wohl gefühlt. Und das hat ein Feuer in mir entfacht.“
Sodl lernte, Gitarre zu spielen, und begann eigene Songs zu schreiben, weil „Hendrix nachzuspielen gar nicht so einfach war“. 2020 wurde sie vom mittlerweile verstorbenen FM4-Moderator Martin Blumenau entdeckt. Die Songs von „Sheepman“ hat sie alle in dieser Zeit geschrieben, als sie zwischen 16 und 19 Jahren alt war. Viele davon sind feministisch.
„I Am A Woman“ beginnt die mit dem FM4-Amadeus-Award ausgezeichnete Newcomerin mit dem Satz: „Ein geheimer Garten in meiner Gebärmutter“. „Das soll Frauen auf keinen Fall auf ihre Gebärfähigkeit reduzieren“, sagt sie. „Aber ich finde, es wird vergessen, was dieser Körper kann. Seine Schaffenskraft bewegt mich, denn es steckt eine irrsinnige Macht in Frauen. Das ist keine politische Macht, die von der Gesellschaft befürwortet wird, aber eine unglaubliche Stärke, die kleingehalten wird.“
Tabuthema weibliche Lust
Dass der Song „Sex“ bewusst verdeutlichen will, dass es für Männer cool ist, über den Geschlechtsakt zu singen, Frauen dafür aber verachtet werden, verneint sie: „Ich analysiere meine Songs erst im Nachhinein, wenn ich einen Pressetext darüber …read more
Source:: Kurier.at – Kultur