
Um den wirtschaftlichen Druck auf Erdoğan zu erhöhen, rief die Opposition zum Boykott von 25 Unternehmen auf, von denen sein Umfeld profitieren soll. Zu Besuch in einer verwaisten Filiale der Kaffeehauskette EspressoLab.
Auf der İstiklal Caddesi, der wahrscheinlich berühmtesten Einkaufsstraße der Istanbuler Altstadt, ist die politische Ausnahmesituation nach der Verhaftung des Bürgermeisters Ekrem İmamoğlu kaum zu bemerken. Sicher, es sind auffällig viele Polizisten unterwegs. Und auch die großen, gepanzerten Wasserwerfer-Lkw deuten darauf hin, dass etwas im Busch ist.
Daneben aber schlendern Touristen und Einheimische wie eh und je über die Pflastersteine, vorbei an den verzierten Glasvitrinen gut besuchter Restaurants und Geschäfte. Nur ein Ort bleibt auffällig leer: Die Filiale der größten türkischen Kaffeehauskette EspressoLab.
Johannes Arends
Niemand da: Die Espressolab-Kaffeehauskette wird von vielen jungen Türken gemieden, die gerade gegen das Regime auf der Straße protestieren.
25 Unternehmen auf „schwarzer Liste“ der Demonstranten
„Das ist wegen des Boykotts“, sagt ein Kellner zwischen verwaisten Tischen. Als der KURIER die Filiale betritt, hat sich auf zwei Stockwerken der ansonsten so beliebten Rösterei nur eine Gruppe Touristen verirrt. „Es ist verrückt. Ich habe noch nie erlebt, dass wir so wenig zu tun haben“, sagt der Kellner.
EspressoLab ist eines von 25 Unternehmen, zu deren Boykott die Oppositionspartei CHP aufgerufen hat, weil deren Eigentümer aus dem Umfeld des Präsidenten Erdoğan stammen. Die Liste reicht vom staatlichen Fernsehsender TRT über den Süßwarenhersteller Ülker bis hin zur Büchereikette D&R.
Im Falle von EspressoLab ist Firmeninhaber Mevlüt Kocadağ der Cousin des ehemaligen Istanbuler AKP-Bürgermeisters Kadir Topbaş, einem politischen Schützling Erdoğans. Die Kaffeehäuser sind besonders anfällig für den Boykott, weil sie vor allem junge Türken ansprechen will – die jetzt den Großteil der Protestbewegung ausmachen.
Johannes Arends
Ein einziger Tourist sitzt am Freitagnachmittag im oberen Stockwerk der Espressolab-Filiale.
„Natürlich versuchen wir, das umzusetzen“, sagt eine junge Frau am Rande einer Massendemonstration am Mittwoch zum KURIER. Sie selbst gehe nur noch zur US-Kaffeerösterei Starbucks, auch wenn die deutlich teurer ist: „Das ist es wert, wenn es hilft, die Leute einzuschüchtern, die Erdoğan nahestehen.“
Werden Polizisten angewiesen, zu Espressolab zu gehen?
Espressolab ist vor allem in den Sozialen Medien zum Sinnbild der Boykott-Bewegung geworden. Die Kette erlebt seit Tagen einen regelrechten Shitstorm, am Freitag lag sie sogar auf Platz eins der X-Trends (ehem. Twitter), war also der meistgesuchte Begriff auf der Plattform.
Das liegt zum einen am verzweifelten Statement, mit dem der Konzern am Dienstag versuchte, an den Patriotismus der Türken zu appellieren: „In der von globalen Giganten dominierten Kaffeebranche sind wir ein Unternehmen, das in 15 Ländern die türkische Fahne hisst“, heißt es darin. „Das ist auch ein Erfolg der Türkei.“
Zum anderen kursieren im Netz Fotos, die Gruppen von Polizisten zeigen, die ihre Pause in Espressolab-Filialen verbringen. Viele Nutzer vermuten, dass die Beamten dazu angehalten werden, den wirtschaftlichen Schaden des Boykotts aufzufangen.
Beweise gibt es dafür nicht. Doch auch als der KURIER seinen Besuch in der fast leeren Altstadt-Filiale beenden will, kommen ihm zwei Polizisten entgegen. Zufall? Der Kellner, eben noch auskunftsfreudig, will sich dazu auf Nachfrage nicht mehr äußern.
Source:: Kurier.at – Politik