„Wie es sich anfühlt, Mensch zu sein“

Politik
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KURIER: Was bedeutet Weihnachten für Sie?

Sr. Franziska Madl OP: Wir feiern zu Weihnachten das, worum es eigentlich geht: dass in Jesus Gott selbst Mensch geworden ist. Weil er wissen wollte, wie es sich anfühlt, Mensch zu sein. Für mich ist das einer der tröstlichsten Aspekte unseres Glaubens.

Wie feiern Sie selbst?

Je länger ich im Kloster bin, desto besser gefällt es mir, nicht mehr so zu feiern, wie man in der Familie Weihnachten feiert. Wir im Kloster gönnen uns den Luxus, uns auf das Wesentliche des Festes zu konzentrieren. Am Vormittag ist viel zu tun: Christbaum schmücken, die Kapelle für die Liturgie herrichten – aber dann wird es bei uns sehr ruhig. Wir beten die Vesper, dann gibt es eine Weihnachtsfeier mit guten Wünschen, kleinen Geschenken und einem feinen Abendessen; danach haben wir eine stille Zeit, und um 22.00 Uhr feiern wir die Christmette. Danach wird es noch stiller …

Zuletzt waren die Orden vor allem durch den Fall der Goldensteiner Schwestern medial präsent. Sehen Sie das eher positiv, weil plötzlich Ordensleute im Fokus der Berichterstattung standen – oder hat es eher geschadet, weil dadurch falsche Bilder von Ordensleuten entstanden sind?

Bei mir überwiegt der kritische Blick. Weil das, was da an Bildern und Botschaften transportiert wird, alte Klischees befördert, von denen wir gehofft hatten, dass wir sie hinter uns gelassen haben.

Was sind das für Klischees?

Die „lieben, alten Schwestern“ im vollen Habit mit Schleier …

… Sie tragen ja auch Schleier …

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… ja, aber auch nicht immer. Aber das ist nicht der Punkt. Es geht um ein Bild des Lieblichen, auch Süßlichen – das im Übrigen auch den drei Goldensteiner Schwestern nicht gerecht wird. Da wird etwas hochstilisiert, was nicht meiner Perspektive entspricht. Für mich geht es in der Kirche nicht um die Oberen gegen die Unteren und die Männer gegen die Frauen, die Basis gegen die Hierarchie. Das ist nicht mein Bild von Kirche und auch nicht meine Erfahrung. Und gerade für Orden stimmt das nicht. Wir funktionieren demokratisch, gemeinschaftlich, Gehorsam bedeutet nicht blindes Befolgen von Befehlen, sondern ein miteinander Ringen um den Willen Gottes; wir kommunizieren auf Augenhöhe und haben flache Hierarchien.

kurier/Martin Winkler

„Was da an Bildern und Botschaften transportiert wird, befördert alte Klischees, von denen wir gehofft hatten, dass wir sie hinter uns gelassen haben.“ (Sr. Franziska zu den Goldensteiner Nonnen)

Ist aber nicht das Bild von wenigen, sehr alten Ordensfrauen doch sehr realistisch – gerade mit Blick auf Frauenorden?

Wir sind noch immer mehr als die Männer. Aber das Bild herrscht natürlich vor. Und es stimmt, dass unser Altersdurchschnitt sehr hoch ist. Und es gibt natürlich Gemeinschaften, die nur mehr ganz wenige Mitglieder haben. Umso wichtiger ist es, dass wir rechtzeitig Vorsorge für das Alter treffen. Das tun auch die meisten Ordensgemeinschaften.

Kann man geistliche Berufungen fördern?

Fördern ja, machen nein. Wir sind keine Firma, die Personalrecruiting betreibt – Gott beruft Menschen zum geistlichen Leben, und es ist die Entscheidung des Einzelnen, ob er diese Einladung annimmt. Was wir tun können, ist, Informationen zur Verfügung zu stellen: dass es uns gibt und dass das eine wunderschöne, …read more

Source:: Kurier.at – Politik

      

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