
Es ist gerade keine einfache Zeit für Hilfsorganisationen: Mit etwa der Hälfte der bisherigen Mittel muss humanitäre Hilfe weltweit auskommen, während Krisen und Kriege immer häufiger länger dauern. Die Kürzungen der USA, für ein Viertel der globalen Entwicklungsausgaben des letzten Jahrzehnts verantwortlich, sind nur die Spitze des Eisbergs – auch Europas Regierungen haben ihre Budgets reduziert.
Internationale Hilfsorganisationen schicken deswegen ihre Chefitäten auf Spendentouren durch die Länder des Globalen Nordens. Jagan Chapagain, Generalsekretär der Internationalen Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften (IFRK), erinnert bei seinem Wien-Besuch, dass menschliches Leid nicht nur durch bewaffnete Konflikte entsteht, sondern auch durch Extremwetterereignisse, die durch klimatische Veränderungen immer häufiger werden.
Vorausschauendes Handeln
Beispiel Jamaika: Der Inselstaat wurde im Herbst 2025 von Hurrikan „Melissa“ heimgesucht – dem dritten Sturm der höchsten Kategorie in diesem Jahr, mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 295 km/h. Seit Beginn der Aufzeichnungen in den 1850er-Jahren war es erst einmal zu so einer Häufung von extremen Stürmen gekommen, 2005. Jamaika wurde zum Katastrophengebiet erklärt, von Häusern blieben nur Trümmer übrig. 530.000 Haushalte waren von der Stromversorgung abgeschnitten. Der österreichische Rotkreuz-Mitarbeiter Christopher Friedrich, zuletzt in Gaza aktiv, hilft noch immer vor Ort mit Expertise beim Wiederaufbau der Wasser-, Sanitär- und Hygieneversorgung.
ÖRK / Thomas Holly Kellner/HOLLY KELLNER, Österreichisches Rotes Kreuz
Jagan Chapagain, Generalsekretär der Internationalen Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften, und Michael Opriesnig, Generalsekretär des Österreichischen Roten Kreuzes.
Die häufiger werdenden Extremwetterereignisse kosten auch: Das Schweizer Versicherungsunternehmen Swiss Re schätzte die Summe aller weltweiter Schäden, die 2025 auf Naturkatastrophen wie Waldbrände, Stürme und Überschwemmungen zurückzuführen waren, auf 107 Milliarden US-Dollar. Die weltweiten wirtschaftlichen Verluste durch Naturkatastrophen dürften 2025 auf 220 Milliarden US-Dollar.
Trotzdem ist Jamaika ein „Positivbeispiel“: Chapagain betont das vorausschauende Handeln bei dieser Katastrophe: Schon vor der Zerstörung wurden Mittel freigegeben, Vorräte schneller zusammengetragen. „Humanitäre Hilfe muss sich adaptieren“, sagt Chapagain bei einer Pressekonferenz in Wien. „Zu sagen, wir können nicht mehr machen, weil wir weniger Geld bekommen, ist zu einfach.“
Lokale Initiativen fördern
Neben vorausschauendem Handeln heißt das etwa auch: mehr direkte Geldleistungen statt der Verteilung von Hilfsgütern. Das sei „effizienter, billiger und würdevoller“ für die Betroffenen; der ressourcenaufwendige Baustein der Logistik und Beschaffung würde so wegfallen.
Fokus müsse sein, die lokalen, bestehenden Initiativen maximal zu unterstützen. Das Narrativ ist nicht neu, sagt Chapagain. „Man muss den Zugang nicht erst verhandlen, wenn es ihn schon gibt“, sagt der gebürtige Nepalese. Bestes Beispiel dafür: die humanitäre Hilfe im Sudan, der größten humanitären Krisen aktuell auf der Welt, mit wahrscheinlich über 150.000 Toten und der schlimmsten Hungersnot.
Gerade hier erhalten die meisten Menschen Hilfe durch lokale Initiativen, den sogenannten „Emergency Response Rooms“, die aus ehemaligen Nachbarschaftsgruppen entstanden sind. Sie haben 2019 die Proteste gegen das islamisch-fundamentalistische Regime von Omar al-Bashir eingeleitet. Mittlerweile organisieren sie Suppenküchen, verteilen Hygieneartikel und reparieren Wasserpumpen. Im Vorjahr erhielten das Netzwerk den Alternativen Nobelpreis.
REUTERS / MAZIN ALRASHEED
Eine sudanesische Frau einer Freiwilligen betriebenen Gemeinschaftsküche verteilt Mahlzeiten.
Der Zugang sei zwar vorhanden, erklärt Chapagain. Doch das ändere nichts an der gravierenden Unterfinanzierung der humanitären Hilfe im Sudan, von der alle Organisationen gleichermaßen betroffen seien.
Komplexer ist die Lage in Gaza: Die israelische Regierung hat mit 1. …read more
Source:: Kurier.at – Politik



