
Wenn Johannes Strolz am Sonntag am berühmten Chuenisbärgli im Starthaus steht (10.30/13.30), dann wird er unweigerlich eine Zeitreise unternehmen und mit seinen Gedanken kurz ins Jahr 2022 zurückdriften. Beim Slalom-Klassiker in Adelboden befand sich der Vorarlberger damals am Scheideweg.
Johannes Strolz musste dringend abliefern, nachdem er bei den ersten zwei Saisonslaloms in Val-d’Isère und Madonna di Campiglio nicht ins Ziel gekommen war. „Nach dem Ausfall in Madonna habe ich mir gedacht: Ich kann es einfach nicht. Wenn es drauf ankommt, schaffe ich es einfach nicht, Leistung zu bringen. Jetzt habe ich es endgültig vergeigt“, erinnert sich Strolz.
Großer Moment
Was dann passierte, ging als eines der größten Skimärchen in die Geschichte ein: Mit Startnummer 38 gewann Strolz in Adelboden das Rennen der letzten Chance und erlebte danach die erfolgreichsten und unglaublichsten vier Wochen seines Lebens: Bei den Winterspielen in Peking gewann er Gold in der Kombination und mit dem Team, dazu Silber im Slalom – damit kann der Mann, der kurz zuvor noch vor dem Karriere-Aus gestanden war, bei Olympia die gleiche Medaillen-Ausbeute vorweisen wie ein gewisser Marcel Hirscher.
So kometenhaft sein Aufstieg war, so rasant ging es mit Johannes Strolz dann auch wieder bergab. Von dieser traumwandlerische Sicherheit, mit der er sich im Jänner und Februar 2022 durch die Slalom-Tore bewegt hatte, war danach wenig mehr zu sehen.
Mittlerweile ist Johannes Strolz 33 und fast wieder zurück am Anfang. Er muss zwar nicht, wie in der Saison 2021/’22 um seinen Startplatz im Weltcup bangen – dafür ist das Niveau im ÖSV-Slalomteam aktuell zu niedrig – aber Strolz könnte nach der Heim-WM 2025 auch die Olympischen Spiele verpassen.
Großer Ärger
23, 24, 24, 17 – die bisherigen Saisonergebnisse sind kein Empfehlungsschreiben für ein Olympiaticket. Zumindest ist sein Ärger in diesem Winter weniger groß als in der letzten Saison. „Damals ist mir die Slalomfahrerei phasenweise echt auf die Nerven gegangen“, erzählt der Routinier im KURIER-Gespräch.
Wie viele andere Sportler, die zurück auf die Siegerstraße wollen, steckt Johannes Strolz in einem großen Dilemma: Er weiß, wie sich der Erfolg anfühlt, und kennt die Leichtigkeit des Siegens. „Du machst ja gar nicht viel anders als vorher“, sagt der Vorarlberger. „Wenn es nicht läuft, balancierst du im Slalom auf einem Streifen, der zwei Zentimeter breit ist. Wenn du richtig gut in Form bist, fährst du auf einem zwei Meter breiten Weg.“
Großer Druck
Und mit jedem negativen Ergebnis und Erlebnis wird der Grat noch schmaler. „Du stehst unter Druck, du brauchst Ergebnisse. Und es wird immer schwieriger, befreit zu fahren.“ Gerade in einer Disziplin wie dem Slalom mit seiner enormen Leistungsdichte ist Zurückhaltung fehl am Platz. „Wenn du nicht das letzte Risiko gehen kannst, dann bist du nicht dabei.“
Wenn der Frust ganz groß ist, richtet Johannes Strolz den Blick in die Vergangenheit. „Dann erinnere ich mich daran, dass ich schon größere Hürden überwunden habe. Das gibt einem Mut, zu sagen: Das wird schon wieder.“
Source:: Kurier.at – Sport



