
Viele Holzhäuser bestehen nur zu einem kleinen Teil aus Holz – oft sind es zehn bis zwanzig Prozent, der Rest sind Folien, Kleber, Dämmstoffe und Verbundplatten. Für Reinhard Hansmann war diese Erkenntnis der Wendepunkt. „Wenn wir mit Holz bauen, warum bauen wir dann nicht wirklich mit Holz?“, fragte sich der Zimmerer aus Oberwölz in der Steiermark.
Hansmann kommt aus dem klassischen Holzbau. Mit der Holzbau & Abbundzentrum realisiert er seit Jahren konventionelle Projekte in der Region. Technisch ausgereift, wirtschaftlich erfolgreich. Doch je genauer er die Wandaufbauten betrachtete, desto stärker wurde sein Unbehagen: Der tatsächliche Holzanteil sei in vielen dieser Bauten überraschend gering. 2017 gründete er deshalb die Reinholz GmbH – als eigenständiges Unternehmen mit einem klaren Ziel: eine Gebäudehülle aus einem einzigen Material.
Mehr Holz in der Wand
Reinholz verzichtet konsequent auf Leim, Metall, Folien und chemische Zusatzstoffe. Tragstruktur, Luftdichtheit und Dämmung entstehen aus Holz – nicht als Marketingversprechen, sondern konstruktiv gedacht. Herzstück ist ein EU-weit patentiertes Stecksystem mit schwalbenschwanzförmigen Profilen.
Die Bretter greifen formschlüssig ineinander, werden zusätzlich mit Holzdübeln stabilisiert und verdichten sich durch das natürliche Quell- und Schwindverhalten des Materials selbst. „Die größte Herausforderung war die Luftdichtheit ohne Folien“, sagt Hansmann. „Wir wollten erreichen, dass das Bauteil selbst diese Funktion übernimmt – als luftdichte, rein aus Holz aufgebaute Ebene.“
Das System wurde unter anderem in Zusammenarbeit mit der TU Graz geprüft, ist baubook-deklariert und mit dem Energy Globe Styria Award ausgezeichnet. Realisiert wurden bereits Einfamilienhäuser, Feuerwehrgebäude sowie Projekte im Sozialbereich. Aktuell entsteht eine Reihenhausanlage mit drei Wohneinheiten.
Das Haus als Rohstoff
Für Hansmann beginnt Nachhaltigkeit nicht beim Energieausweis. „Ein Haus darf am Ende seines Lebens nicht zum Problem werden – sondern wieder zum Rohstoff.“ Da das System im Kern aus einem Monomaterial besteht, können die Bauteile sortenrein demontiert, wiederverwendet oder dem natürlichen Kreislauf zurückgeführt werden. Ein Einfamilienhaus mit rund 150 Quadratmetern speichert laut Unternehmen langfristig rund 200 Tonnen CO2 im Material.
Auch im Betrieb denkt Reinholz Kreislaufwirtschaft weiter: Hobelspäne werden zu Dämmung verarbeitet oder energetisch genutzt. Das Werk in Oberwölz deckt rund 75 Prozent seines Strombedarfs über eigene Photovoltaikanlagen. Neben der ökologischen Logik spielt für Bauherren zunehmend das Raumgefühl eine Rolle. Bewohner berichten von einem „ruhigen“, warmen Wohnklima und vom Ausbleiben typischer Neubaugerüche.
Holz reguliert die Luftfeuchtigkeit auf natürliche Weise und kommt ohne VOC-belastete Klebstoffe oder Folien aus – also ohne Materialien, die flüchtige organische Verbindungen an die Raumluft abgeben. Medizinische Versprechen macht Hansmann nicht – aber die Rückmeldungen seien eindeutig positiv.
Die Produktion findet ausschließlich im Werk in Oberwölz im Bezirk Murau statt. Das Holz stammt aus den umliegenden Regionen Murtal und Lungau, auch die Partnerfirmen sitzen in der Umgebung. Murau gilt als eine der waldreichsten Regionen Österreichs, sodass die Wege kurz sind und die Wertschöpfung vor Ort bleibt. Während die österreichische Holzbauoffensive 2021 bis 2025 laut Umweltministerium rund 70.000 Tonnen CO2 einsparen konnte, geht Hansmann einen Schritt weiter: Es soll nicht nur viel mehr Holz im Bau verwendet werden – sondern der Materialmix soll im Detail reduziert werden. – Linda Pezzei
Source:: Kurier.at – Wirtschaft



