Sollen Kuren abgeschafft werden?

Politik

Wenn Gesundheitsministerin Korinna Schumann erklärt, sie wolle die Gesundheitsvorsorge „moderner und effizienter gestalten“, wird ihr in dem Punkt kaum jemand widersprechen – wer tritt schon offensiv gegen ein moderneres Gesundheitssystem auf?

Zuletzt gab es freilich ein Thema, bei dem die SPÖ-Ministerin mit ihrer Ankündigung für veritable Proteste sorgte. Es ging ums Kurwesen. Und um dort geplante Kürzungen im Budget.

50 Millionen Euro will das Ministerium im nächsten Kalenderjahr bei der Kur einsparen, im Jahr darauf sollen es 72 Millionen Euro sein. Und auch wenn die Summe im Vergleich zu Gesundheitsausgaben von gut 57 Milliarden Euro im Jahr eine de facto vernachlässigbare Größe darstellt, ist der Ärger hörbar: Die Opposition schäumt, Kur-Ärzte protestieren.

Tatsächlich ist das heimische Kurwesen nicht nur ein europäisches Spezifikum, es ist zudem komplex: Während eine klassische Rehabilitation („Reha“) nach Operationen, Verletzungen und akuten Erkrankungen erfolgt, werden Kuren unter dem Titel der „Gesundheitsvorsorge plus“ subsumiert.

Diese ist – wie die klassische Reha – an eine Diagnose und an eine Indikation eines Arztes gebunden bzw. muss bewilligt werden. Dennoch läuft sie – auch – unter dem Titel der Vorsorge.

Spa-Medizin

Genau das, also dass es sich bei der Kur um eine nicht näher definierte Art von „Spa-Medizin“ handelt, die nur für Versicherte infrage kommt, deren Arbeitgeber mehrwöchige Abwesenheiten verkraftet, hat zuletzt Gesundheitsökonom Ernest Pichlbauer im KURIER scharf kritisiert.

Es gäbe keine belastbaren Studien oder Daten, die den Erfolg von Kuren bestätigen würden. Im Einzelfall seien diese zwar bisweilen hilfreich. Das sei aber eher „anekdotische Evidenz“ und für die Summe aller Versicherten längst nicht repräsentativ.

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Den Vorwurf der fehlenden Evidenz kann die für die Kuren verantwortliche Pensionsversicherungsanstalt PVA nicht völlig entkräften. Auf Anfrage des KURIER kann sie keine Studien oder internationalen Vergleiche nennen, die den Nutzen von Kur-Aufenthalten wissenschaftlich erhärten. Man evaluiere die erbrachten Leistungen „in regelmäßigen Abständen intern“, heißt es.

Wohl auch deshalb will die Regierung bei den Kuren nun sanft eingreifen und gemeinsam mit den Sozialversicherungsträgern prüfen, „ob Leistungen treffsicherer organisiert und Kosten gedämpft werden können“, wie es im Gesundheitsressort heißt.

Dafür laufen derzeit Gespräche mit drei Sozialversicherungsträgern (PVA, SVS, BVAEB).

Gesundheitsökonom Thomas Czypionka vom Institut für Höhere Studien IHS hält den nun gewählten politischen Ansatz für grundlegend richtig und stimmt der Kritik seines Kollegen Pichlbauer in einigen Punkten zu: „Bei vielen Anwendungen, die wir aus dem Kur-Wesen kennen, gibt es beim Behandlungserfolg tatsächlich keine rasend große Evidenz“, sagt er zum KURIER. Allein aus dieser Perspektive sei es ein richtiger Ansatz, „das Kurwesen zu durchforsten“. Bei bestimmten Problemen wie Gelenksschmerzen seien Kur-Aufenthalte mitunter sinnvoll, sagt der IHS-Experte. In anderen Bereichen müssten Leistungen hinterfragt werden – wie im Übrigen im gesamten Gesundheitsbereich.

„Es geht nicht nur darum, Leistungen zu streichen, sondern auf neue Technologien zu wechseln, die den Menschen etwas bringen“, sagt Czypionka, der auch ausgebildeter Mediziner ist.

So müsse sich der technische Fortschritt auch in dem widerspiegeln, was im Gesundheitswesen angeboten wird. „Heute wissen wir zum Beispiel, dass Infusionen oder schnelle Operationen bei Bandscheibenbeschwerden mittel- und langfristig oft weniger Erfolg versprechen, als wenn man versucht, die Muskulatur zu stärken und die Haltung zu verbessern.“

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Source:: Kurier.at – Politik

      

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