
Dutzende Kerzen zwischen Rosen vor der Türe in der Hauptstraße 155 in Berlin. Ein Meer von Blüten vor dem Mural in London. Und in der Lafayette Street 285 in New York „Rest in Peace“- und Danke-Botschaften, CD-Cover und andere Abschiedsgeschenke zwischen Blumensträußen.
Das war die Szenerie, als am 10. Jänner 2016 bekannt wurde, dass David Bowie gestorben war. Die Fans pilgerten zu den Orten, an denen er gelebt hatte, trauerten und sangen seine Songs. Vor der Wohnung in Schöneberg, wo er von 1976 bis 1978 mit Iggy Pop residierte, beim Wandbild in Brixton nahe der Stansfield Road, wo er aufgewachsen war, und vor dem Apartment im Big Apple, in dem er die letzten Jahrzehnte mit seiner Frau Iman und Tochter Lexi glücklich gewesen war.
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All das hatte Bowie in dem am 8. 1. 2016 (seinem 69. Geburtstag) erschienenen Album „Blackstar“ visualisiert. Er hatte es aufgenommen, während er gegen den Leberkrebs kämpfte. Es war ein letztes Meisterwerk, geprägt von Jazz-Klängen, ganz anders als das rockige „The Next Day“ von 2013.
Nie angepasst
Genau diese Wandlungsfähigkeit machte den als David Robert Jones geborenen Musiker so einzigartig. „Chamäleon“ nannte man ihn deshalb. Er hasste das. „Ein Chamäleon ändert seine Farbe, um sich anzupassen. Ich mache das Gegenteil“, war sein Standpunkt. Mit gutem Grund. Bowie hat sich fast immer gegen den Mainstream gestemmt, mit jedem seiner 26 Studio-Alben etwas Neues geliefert.
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Mit „Earthling“ erforschte er Drum ’n’ Bass, mit „Low“ die Welt der Synthesizer, weil er die Sounds von Kraftwerk liebte. Als er der Plattenfirma nach dem Soul-Album „Young Americans“ das grandiose, aber experimentelle „Station To Station“ lieferte, schlug deren Boss ihm vor, zurück ins Studio zu gehen und etwas im Stil des funkigen Nummer-eins-Hits „Fame“ zu schreiben. Bowies Reaktion: „Ich habe vor Wut gezittert!“
Immer offen für Neues
„Veränderung“ war David Bowies Lebensmotto und Selbstverständnis als Künstler, wie er 1971 in dem Song „Changes“ beschrieb. Die Basis dafür lag in seiner genauso humorvollen wie feinsinnigen und zeitweise depressiven Persönlichkeit. Er erschuf wechselnde Charaktere, weil er zu Beginn seiner Karriere zu schüchtern war, um als er selbst aufzutreten. Er blieb bis zum Tod neugierig und begeisterungsfähig, sei es auf Underground-Musikstile, technische Innovationen wie das Internet, bildende Kunst (er malte selbst, besaß Gemälde von Tintoretto und Hockney), neue Strömungen in Literatur und Film.
Sein zehn Jahre älterer Halbbruder Terry stellte ihm die Werke der Beatpoeten vor, weshalb Bowie für die Texte seiner Songs mit der „Cut-up“-Technik von William S. Burroughs experimentierte. Ebenfalls über Terry lernte er fernöstliche Kunst und Philosophien kennen, was zu einer „lebenslangen Faszination mit allem Asiatischen“ führte. Die spiegelte sich immer wieder in seiner Kunst, etwa im Video von „China Girl“ oder den Bühnen-Outfits der „Ziggy Stardust“-Zeit.
Dieses ikonische Album etablierte Bowie nach ersten Erfolgen mit dem Song „Space Oddity“ 1972 endgültig als Visionär der Rock-Szene. „Space Oddity“ war noch ausschließlich von „2001: Odyssee im Weltraum“ geprägt, einem Film, der in Bowie eine ebenso lebenslange Faszination mit dem All auslöste. Bei „Ziggy Stardust“, einem Konzeptalbum über einen Außerirdischen, kamen seine Erfahrungen mit Lindsay Kemp hinzu.
Bowie hatte bei dem …read more
Source:: Kurier.at – Kultur



