Cannes-Gewinnerin Julia Ducournau: „Kein Problem, auch peinlich zu sein“

Kultur

Bei einer wilden Party im Frankreich der Achtzigerjahre lässt sich ein Mädchen ein großes A auf den Arm tätowieren. A wie Alpha, A wie aussätzig. Denn es grassiert eine Pandemie, deren genaue Übertragungswege unklar sind. Infizierte werden stigmatisiert und ausgegrenzt. Es fällt einem sofort das Wort AIDS ein.

Kein Wunder also, dass Alphas Mutter, eine Ärztin, panisch reagiert, als sie die blutende Wunde am Arm ihrer Tochter sieht. Erlebt sie doch das Leiden der Infizierten jeden Tag hautnah. Auch ihr Bruder Amin ist ein Sorgenkind: Seine Drogensucht ist eine Gratwanderung zwischen Leben und Tod. Schon etliche Male hat ihm die Schwester und Ärztin das Leben gerettet.

Es ist ein düsteres Sozialdrama, das uns die französische Regisseurin Julia Ducournau nach „Raw“ und ihrem Cannes-prämierten Megaerfolg „Titane“ als dritten Streich im Kino serviert.

„Alpha“ (derzeit im Kino) ist eine beklemmende Mischung aus Bodyhorror, Junkietragödie und Krankengeschichte. Eine Parabel über Angst und Ausgrenzung und über die Aggression, mit der Menschen auf kranke und andersartige Mitmenschen reagieren.

„Ja, es ist ein Film über Angst, aber auch über die Liebe“, sag Julia Ducournau im KURIER-Gespräch: „Liebe und Angst sind zwei Seiten einer Medaille. Sie gehen Hand in Hand. Wenn du jemanden so liebst, als wäre er ein Teil von dir, hast du auch Angst, ihn zu verlieren. Und mit dem Verlust dieser Person auch die Angst, dich selbst zu verlieren.“

Die Kritik, sie mische in „Alpha“ zu viele Themenkomplexe – von AIDS über

Drogensucht bis zu Außenseitertum – lässt die groß gewachsene und wortgewaltige Blondine nicht gelten. „Die Betroffenen der Seuche, die die Achtziger prägte, waren oft junge Homosexuelle, die von der Gesellschaft marginalisiert wurden. Man ließ sie wissen, sie hätten es verdient, krank zu sein. Ich habe nur eins und eins zusammengezählt und diese komplexen Themen zu einem organischen Ganzen zusammengefügt“.

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„Alpha“ besticht vor allem durch seine visuelle Kraft, betörende Bilder durchziehen ihn. Zu verdanken ist das Ducournaus Kameramann Ruben Impens, der zum dritten Mal mit ihr zusammenarbeitet und ihre Visionen detailgetreu umsetzt. „Ruben ist mein Freund und Verbündeter, er kann meine Bilder mit mir sehen. Ich bin ein visueller Mensch und überlasse nichts dem Zufall.“

Großartig etwa die Bilder der kranken Körper, die mit Fortschreiten der Infektion zu Stein erstarren – wie fein ziselierte Marmorsäulen, die schließlich zu Staub zerfallen. Oder der Sandsturm am Ende, der mit blutrotem Sand jede Hoffnung auf Erlösung fortweht.

Erfolgsdruck?

War es schwierig, nach dem Cannes-Sieger „Titane“ die Erfolgsgeschichte Ducournau fortzuschreiben? Dem hohen Erfolgsdruck zu entsprechen?

„Ja und nein“, so die Regisseurin: „Für mich ist der ärgste Druck der, den ich mir selbst mache. Nicht wegen der Anerkennung oder des Ruhms, sondern es ist so: Wenn ich einen Film beendet habe, frage ich mich immer, ob ich noch fähig bin, einen weiteren zu machen. Mich verfolgt die Angst, innerlich auszutrocknen und leer zu sein. Habe ich noch genug Fantasie und Kraft in mir, ein weiteres Projekt zu stemmen? Da habe ich immer meine Zweifel. Am Ende schaffe ich es, aber ich weiß nicht wie.“

Unter die Haut

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Source:: Kurier.at – Kultur

      

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