
Martin Ortner ist seit 2024 Sprecher der Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKStA).
KURIER: Ist Österreich korrupter als andere Länder oder gibt es da auch ähnliche Einrichtungen?
Martin Ortner: Korruption gibt es überall, seit es die Welt gibt. Es ist internationaler Best-Practice-Standard, dass man eigene Staatsanwaltschaften zur Korruptionsbekämpfung einrichtet. Es hat sich auch bewährt, dass man schwere Wirtschaftskriminalität mit dazu nimmt. Wenn Sie unsere Fälle analysieren, dann haben Sie in einem kleineren Teil reine Korruptionsfälle, einen größeren Teil kombiniert mit schwerer Wirtschaftskriminalität und einen Teil reiner schwerer Wirtschaftskriminalität – das sind Verfahren mit Schäden von mehr als fünf Millionen Euro.
Von wie vielen Fällen sprechen wir in Österreich?
Aktuell führen wir ungefähr 200 Verfahren bei uns im Haus. Zwei Drittel bis fast drei Viertel sind reine Wirtschaftsverfahren. Das heißt: Wir sind nicht nur die Antikorruptionsstaatsanwaltschaft, sondern wir sind auch die zentrale österreichweit agierende Staatsanwaltschaft zur Bekämpfung von schwerer Wirtschaftskriminalität.
Die Öffentlichkeit kennt die sogenannten clamorosen Fälle wie Buwog, Signa oder die Chats von Thomas Schmid. Die meisten Ihrer Fälle sind uns unbekannt?
Wenn Sie auf zwei Händen durchzählen, was den News-Circle dominiert und die 200 aktuell anhängigen Verfahren betrachten, dann sehen Sie das wahre Ausmaß unserer Arbeit. Wir haben ein bisschen das Bild eines Eisbergs, von dem sieht man auch nur einen gewissen Teil. Als Mediensprecher ist es mein Auftrag, möglichst breit über sämtliche Verfahren zu informieren – noch dazu, wo das Bundeskriminalamt in den letzten Jahren im Bereich der Wirtschaftskriminalität eine Verdoppelung der Fälle dokumentiert hat.
Es gibt auch Verfahren, die aufgrund ihrer Komplexität schwer zu vermitteln sind wie beispielsweise Betrug mit Kryptowährungen.
Krypto ist ein Bereich, in dem wir beim Erklären schnell an Grenzen stoßen, weil es sich um ein hoch spezialisiertes Thema handelt. Das Problem ist leider, dass Wirtschaftskriminalität in den letzten Jahren etwas bagatellisiert worden ist und die Kosten bei der Begehung von Wirtschaftskriminalität für kriminelle Organisationen zum Teil vernachlässigbar sind. Das Ganze mit dem Multiplikator Internet – Handy, SMS, Whatsapp – führt zu einem Geschäftsmodell, in dem du schnell hochskalieren und Zehntausende Opfer adressieren kannst.
Nennen Sie uns ein Beispiel?
SMS, in denen steht: „Mama, das ist meine neue Nummer, ich brauche schnell Geld“; oder Schockanrufe, bei denen versucht wird, gezielt betagte Opfer in einer etwas wohlhabenderen Gegend zu finden und sie mit einer Nachricht zu schockieren. Aktuellster Trend: Ihr Sohn hat eine besondere Form von Krebs, die Arzneikosten betragen 100.000 Euro, die Krankenkasse zahlt nicht, wir schicken jemanden vorbei, der das Geld abholt. Damit Sie eine Dimension sehen: Wir haben beispielsweise ein Verfahren einer kriminellen Organisation mit rund 100 Mitgliedern, von denen wir 40 schon angeklagt haben, die rund 2.000 Opfer geschädigt und 50 Millionen Euro erbeutet haben.
Es gibt sicher Menschen, die darauf hereinfallen und es nicht zur Anzeige bringen, weil sie sich schämen.
Das ist ein großes Problem. Man muss die Bevölkerung aufklären und die Scham nehmen, denn es kann wirklich jedem passieren, weil man da mit psychologischen Stressmechanismen in Ausnahmesituationen gebracht wird, wo der Kopf automatisch falsch reagiert.
Sind die Menschen gutgläubiger geworden oder die Betrugsmaschen ausgefeilter?
Der Europol-Report weist in qualitativen Untersuchungen nach, dass das erst …read more
Source:: Kurier.at – Politik



