Marianne Nentwich blickt zurück: „Ich war das saubere Mädchen“

Kultur

Bekannt wurde Marianne Nentwich mit den Fernsehserien „Das Ringstraßenpalais“ aus 1981 und „Schlosshotel Orth“, sie spielte auch in allen vier „Bockerer“-Teilen mit – und bereits 1972 in einem legendären „Tatort“ aus München. Doch ihre Heimat war von Anfang an, seit 1964, das Theater in der Josefstadt. Nach 62 Jahren nimmt sie nun schweren Herzens Abschied: mit der Uraufführung von Peter Turrinis „Was für ein schönes Ende“ am 29. April, der letzten Premiere der zwei Jahrzehnte währenden Ära von Herbert Föttinger. Denn Nachfolgerin Marie Rötzer hat für die Doyenne keine Verwendung mehr.

KURIER: Sie wurden am 22. Juli 1942 in Wien geboren, mitten im Krieg. Waren Sie ein Wunschkind?

Marianne Nentwich: Ich glaube schon. Meine Schwester war bereits auf der Welt, dann musste mein Vater einrücken. Meine Mutter wurde schwanger, als er Heimaturlaub hatte. Er hat mich erst kennengelernt, als er 1945 zurückgekommen ist.

Und wie war das dann?

Meine Eltern hatten sich fast täglich geschrieben. Er war zum Schluss in Frankreich eingesetzt und kam in amerikanische Gefangenschaft. Die Tragödie ist losgegangen, als er nicht mehr schreiben konnte. Denn er hatte zu seinem besten Freund, der nicht einrücken musste, gesagt: „Wenn mir was passiert, kümmere dich um meine Frau und die Kinder.“ Und er hat sich halt sehr gekümmert. Aber dann ist mein Vater nach Wien zurückgekommen. Er hat die Wohnung leer gefunden, ist zu meiner Großmutter. Sie wurde bleich, hat geglaubt, einen Geist zu sehen. Denn er galt als gefallen oder vermisst. Sie sagte ihm, dass wir nach Vorchdorf evakuiert worden waren. Er hat sich dorthin durchgeschlagen und traf meine Mutter. Sie war schwanger mit einem dritten Kind. Es spielten sich furchtbare Tragödien zwischen den drei Leuten ab.

  Kritik: Wutanfälle als Theater

Ihre Mutter war in der Zwickmühle.

Ja, sie war zerrissen. Mein Vater sagte ihr, dass er dieses Kind als sein eigenes annehmen würde. Der andere aber ließ das nicht zu. (Sie stockt, fasst sich.) Es hieß dann, dass meine Mutter sich in der Schwangerschaft ohnedies nicht um die Töchter kümmern könne – meine Schwester war vier, ich drei. Sie haben auch gefürchtet, dass mein Vater sich umbringen könnte. Und so hat meine Mutter uns ihm mitgegeben. Wir wuchsen dann mit einem 16-jährigen Dienstmädchen auf, weil mein Vater arbeiten gehen musste. Wir haben immerzu nach der Mutter geweint, meine Mutter hat nach uns geweint.

Sie sind also mit ihrer Schwester bei Ihrem Vater aufgewachsen.

Dann hat er überstürzt geheiratet. Wieder eine sehr schöne Frau. Aber sie war nervenkrank. Nach einem Jahr hat er sich scheiden lassen. Als ich sechs war, heiratete er meine Stiefmutter. Das Zusammenleben mit ihr war für meine Schwester und mich sehr, sehr schwierig.

Woher kam Ihr Interesse an Literatur und Theater?

Mein Vater war Mittelschullehrer für Deutsch und Turnen. Und nach dem Krieg Fachinspektor im Stadtschulrat. Die deutsche Literatur war sein großes Faible. Damals wurden noch in der Schule Gedichte auswendig gelernt. Und mein Vater hat uns schon früh beigebracht, wie man ein Gedicht nicht ratscht, sondern vorträgt. Deshalb wurde immer ich ausgewählt, wenn bei Veranstaltungen Gedichte vorgetragen werden sollten. Und wir haben das „Apostelspiel“ von Max Mell aufgeführt. Ich …read more

Source:: Kurier.at – Kultur

      

(Visited 1 times, 1 visits today)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.