
Der oberste Heerespsychologe, Brigadier Christian Langer, über die Frage, wie gut wir als Gesellschaft für Krisen gerüstet, wie fit die jungen Österreicher sind – und wo er „Verwahrlosungstendenzen“ sieht.
KURIER: Herr Brigadier, in der Pandemie haben Sie gesagt, Sie hoffen, die Gesellschaft lernt aus der Krise. Wir erleben eine Reihe sich überlagernder Krisen, von der Energie über den Nahen Osten zur Ukraine. Kann man da noch lernen – oder überfordert uns das einfach nur?
Christian Langer: Am meisten und nachhaltigsten lernen wir durch das Erfahrungs- und Erlebnislernen. Wir können über vieles nachdenken und reden. Am Ende haben wir durch die medialen Bilder eine Vorstellung, aber keinen unmittelbaren emotionalen Bezug. Wir sehen das am Ukraine-Krieg: Der ist nur ein paar Hundert Kilometer entfernt, und dennoch haben wir mittlerweile eine Distanzhaltung – er betrifft uns weniger. Er wird gedanklich bedeutender, wenn es um unsere Energiekosten geht, wenn Milliardenkredite öffentlich werden und wir das nächste Sparpaket schnüren. Lernen mit Nachhaltigkeit und mit einer Verhaltensänderung können wir nur, wenn wir an eine emotionale Bedeutung anknüpfen – und das ist am eindringlichsten mit eigenen Erfahrungen.
Das heißt, ich kann mich auf Krisen wie Blackouts nur gut vorbereiten, wenn ich sie schon erlebt habe?
Sagen wir so: Ich kann Ihnen erzählen, dass das Trinkwasser in Ihrem Hochhaus nur bis zum vierten Stock reicht, wenn Strom und Pumpen ausfallen. Aber wenn Sie das einmal erlebt haben, verändert das Ihr Verhalten nachhaltig – etwa, indem Sie Vorräte anlegen.
Im Bundesheer hört man bisweilen, die Erwartungshaltung der Bevölkerung sei zu groß. Die Menschen würden erwarten, dass ihnen der Staat in der Krise Lebensmittel, Trinkwasser und Medikamente vor die Haustür stellt. Ist das so?
In unserer modernen Gesellschaft wird vieles delegiert – auch die Verantwortung. Tatsächlich gibt es so etwas wie eine Gesellschaftsverwahrlosung. Sie besteht darin, dass man es als Einzelner gern der Stadt, dem Land oder der Gemeinde überlässt, sich um die Vorsorge zu kümmern. Hier fehlt die offene Kommunikation mit der Bevölkerung. Fragen wie „Was tut der Staat, was tust Du als Individuum – und was leistet Deine Kommune“ müssten intensiver und vor allem vorab besprochen werden. In der Krise ist es zu spät.
Haben Sie als Experte das Gefühl, dass wir als Gesellschaft resilienter geworden sind?
Covid hat gezeigt, dass Zusammenhalt, Nachbarschaft, Selbstorganisation und Miteinander in der Krise weitgehend funktionieren. In den kleinen Entitäten (Gemeinden, Nachbarschaft, etc.) ist viel Gutes passiert. Gleichzeitig stimmt, dass die einander überlappenden Krisen den Menschen die Zeit zum Verschnaufen nehmen. Jeder, der sich ein wenig mit Belastung im Sport oder in der Psychologie beschäftigt, weiß: Wenn auf hohe Anspannungen nicht irgendwann Entspannung folgt, braucht es nicht viel, und man fällt in eine Überlastung bzw. Überforderung.
Was meinen Sie?
Ich bin ja auch Psychotherapeut und sehe in meiner Praxis, dass die Anzahl der multiplen persönlichen Belastungen deutlich zunimmt. Es bleibt nicht bei Schwierigkeiten in der Familie oder im Job, da kommen meist viele andere Aspekte hinzu und führen damit zu einer Kumulierung der Belastungsaspekte. Die Menschen drehen sich im alltäglichen Themenkreis wie Familie, Job, Kinder, Beziehung, Finanzen und erleben eine gedanklich und emotional …read more
Source:: Kurier.at – Politik



