
Amerika feiert am Samstag 250-jähriges Bestehen. Ja, das Land ist zerrissen. Sein Präsident zerrt an Nerven und Institutionen. Aber es wäre ein Fehler, dieses Land auf Donald Trump zu verkleinern. Fußballtouristen aus aller Welt erleben gerade ein hilfsbereites, neugieriges, improvisationsstarkes, manchmal rührend gastfreundliches Amerika, das Fremde willkommen heißt. Zehn Gründe, warum man Amerika trotz Trump lieben darf.
Weil Amerika größer ist als Washington
Die Hauptstadt ist ein Brennglas. Wer hindurchschaut, blickt auf Alarm, Taktiererei, Intrige, Hass. Aber Amerika beginnt oft dort, wo die Kameras enden: im Diner in Kansas City, am Fähranleger in Maine, in einer Bibliothek in Maryland. Dort reden die Leute auch über Politik. Aber nicht jedes Wort ist ein Klappmesser. Die geschürte Pose der Feindseligkeit zwischen Demokraten und Republikanern, mit denen asoziale Medien ihr Geld verdienen, ist im Alltag nicht die Regel. Ziviler Disput ist möglich – und die leise Gegenkraft zu einem Betrieb, der fast alles vergiftet.
Weil die Idee nicht tot ist
Der Satz von 1776, dass alle Menschen gleich geschaffen sind, war von Anfang an größer als die Wirklichkeit.
Sklaverei, Vertreibung der indigenen Völker, Rassismus, Frauen ohne Rechte: Amerikas Gründung war Versprechen und Verrat zugleich. Aber die besten Kämpfe dieses Landes wurden immer wieder mit den eigenen Worten der Gründung geführt:
Abraham Lincoln gegen die Sklaverei, Martin Luther King gegen die Segregation, Frauenrechtlerinnen gegen Männerdominanz. Amerika ist nicht liebenswert, weil es unschuldig wäre. Sondern weil es seine Heuchelei bis heute mit den Werkzeugen bekämpft, die es vor 250 Jahren selbst geschaffen hat.
Weil Fremde schnell zu Nachbarn werden können
Es gibt diese amerikanische Gabe, Distanz nicht zu pflegen. Man steht fünf Minuten in der Schlange, und schon erzählt jemand, woher seine Großmutter kam, welche Route man zum Nationalpark nehmen sollte und warum die Hamburger drei Häuserblocks noch besser sind. Für Europäer wirkt das manchmal oberflächlich. Aber Oberflächlichkeit kann Türen öffnen.
Bei der Fußball-WM sieht man es in Fan-Zonen, Hotels und auf der Straße: Freiwillige mit Lächeln, Polizisten mit Erklärgeduld, Familien, die Gäste zum Ziel begleiten. Schöne Momente.
Weil die Natur demütig macht
Amerika kann potthässlich sein. Parkplätze, Schnellstraßen, Gewerbewüsten, verfallene Downtowns. Dann fährt man eine Stunde weiter und steht vor einer Panorama-Landschaft, die jedes Ressentiment entwaffnet.
Die roten Felsen von Zion. Morgennebel im Shenandoah. Die Pazifikküste bei Big Sur. Mammutbäume, so alt, dass 250 Jahre Republik wie eine kurzweilige Laune wirken. Wer Amerika nur politisch liest, übersieht den unerschöpflichen Trost seiner Weite.
Weil die Musik stärker ist als die Parolen
Amerika hat der Welt Jazz, Blues, Gospel, Country, Rock, Hip-Hop und Soul gegeben. Es hat Schmerz in Rhythmus verwandelt und Einsamkeit in Refrains. In New Orleans klingt Geschichte wie ein Saxofon an einer Straßenecke.
In Detroit wurde aus Fabriklärm Motown. In der Bronx entstand aus Mangel Rap. Politik separiert. Musik reicht die Hand. Amerikas beste Stimme singt fast immer von unten, tief aus dem Bauch.
Weil es unablässig erfindet
Die Vereinigten Staaten sind oft brutal ungeduldig. Sie reißen mehr ab, als behutsam zu sanieren. Sie verehren das Neue so sehr, dass sie das Alte oft achtlos wegwerfen. Aber aus dieser Unruhe entsteht Staunen und Neugier. Universitäten, Labore, Garagen, Start-ups, Raumfahrtzentren: Amerika …read more
Source:: Kurier.at – Politik



