Philosoph: „Trumps Obszönität sagt auch etwas über die USA aus“

Politik

Wer Amerika verstehen will, sollte nicht zuerst auf Donald Trump schauen, sondern auf das Land, das ihn zweimal ins Weiße Haus gewählt hat. Axel Honneth tut genau das. Der Sozialphilosoph, der seit vielen Jahren an der Columbia University in New York lehrt, beschreibt die Vereinigten Staaten als eine Demokratie, deren Widersprüche lange verdrängt wurden und nun mit voller Wucht hervortreten. Trump ist für ihn nicht der Auslöser der Krise, sondern ihr deutlichstes Symptom, sagt er.

KURIER: Herr Honneth, die Vereinigten Staaten zelebrierten ihren 250. Geburtstag. Stehen die USA vor einem neuen Kapitel oder vor dem Ende ihrer Erfolgsgeschichte?

Axel Honneth: Ich fürchte, die Vereinigten Staaten stehen tatsächlich an einem historischen Wendepunkt. Meine Generation hat die Vereinigten Staaten stets als ein Land gesehen, das trotz aller inneren Widersprüche und nach außen gerichteter Herrschaftsgelüste für Demokratie, Freiheit und Gleichheit stand. Heute sehe ich ein Land, dessen demokratische Grundlagen erschreckend fragil geworden sind und das gravierende Schwächen seiner Verfassung offenbart.

Was bereitet Ihnen die größte Sorge?

Mich beunruhigt vor allem, wie rasch sich eine Mehrheit hinter einen Präsidenten gestellt hat, der demokratische Regeln systematisch infrage stellt. Ebenso erschreckt mich, wie selbstverständlich viele seine obszöne Sprache übernommen haben und wie verhalten der öffentliche Widerstand bislang geblieben ist. Ich hätte erwartet, dass Millionen Amerikaner auf die Straße gehen, ähnlich wie während der Bürgerrechtsbewegung. Dass dies bislang ausgeblieben ist, enttäuscht mich zutiefst.

Warum erreicht Trump so viele Menschen?

Weil Donald Trump zwei sehr unterschiedliche Erfahrungen aufgreift. Zum einen das Unbehagen vieler Menschen über den tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel. Sie hatten den Eindruck, dass sich ihr Land kulturell verändert, dass Minderheiten stärker anerkannt werden und sich vieles verändert, ohne dass sie selbst daran Anteil haben. Zum anderen spricht Trump jene an, die sich als Verlierer der Globalisierung empfinden und wirtschaftliche Sicherheit verloren haben. Aus dieser Mischung aus kultureller Verunsicherung und sozialer Enttäuschung hat Trump politisches Kapital geschlagen, etwa mit dem Versprechen, amerikanische Arbeitsplätze vor ausländischer Konkurrenz zu schützen und zu einem Amerika zurückzukehren, das sich stärker an traditionellen Familienbildern und einem nationalkonservativen Selbstverständnis orientiert.

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Was ist vom amerikanischen Traum geblieben?

Er hat heute zwei konträre Gesichter. Das eine steht für die Vorstellung, den Wohlstand vor allem für die weiße Mehrheit zu sichern und sich gegen den Rest der Welt abzuschotten. Das andere verkörpert die Idee gleicher Chancen und gleicher Rechte für alle Menschen. Beide Vorstellungen haben die Vereinigten Staaten von Anfang an geprägt: das Beharren auf weißer Vorherrschaft auf der einen Seite, der moralische Anspruch universeller Gleichheit auf der anderen. Heute prallen sie so hart aufeinander wie seit Jahrzehnten nicht mehr.

Viele Europäer haben Amerika jahrzehntelang bewundert. Was war das naiv?

Nein. Europa hat Amerika immer durch zwei unterschiedliche Erzählungen betrachtet. Die eine handelte vom Land der Freiheit, der Einwanderung und der wirtschaftlichen Aufstiegschancen. Die andere vom imperialen Amerika, das Diktaturen unterstützte und seine Macht häufig rücksichtslos einsetzte. Beide Erzählungen gehören zusammen und geben die zwei Gesichter dieses Landes deutlich zu erkennen.

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Source:: Kurier.at – Politik

      

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