
Jack Chen hat seit Beginn seiner Berufslaufbahn seine Kredite immer zurückzahlen können. Doch nun ist in seiner Kreditauskunft ein Warnhinweis vermerkt, neue Anträge werden abgelehnt. Der 27-jährige Telekommunikationstechniker aus der Provinz Jiangsu kann seine Schulden von rund 140.000 Yuan nun vermutlich nicht zurückzahlen. Die umgerechnet etwa 18.000 Euro entsprechen einem Jahresgehalt. Sein Arbeitgeber hat heuer das Gehalt gekürzt und die Tankpauschale gestrichen.
Obwohl er Ausgaben für Lebensmittel, Miete und Benzin eingeschränkt hat, seien die Schulden einfach immer weiter angestiegen, sagt er. Chens Schicksal ist in China kein Einzelfall. Angesichts eines schwachen Arbeitsmarktes und einer andauernden Immobilienkrise sind die Zahlungsausfälle bei Verbraucherkrediten auf ein Rekordhoch gestiegen.
Lage dürfte sich verschärfen
Analysten erwarten eine weitere Verschärfung der Lage, da vor allem Chinesen mit geringerem Einkommen immer tiefer in die Schuldenspirale geraten. Diese Entwicklung steht im Widerspruch zu den Zielen der Regierung in Peking: Sie ermutigt die Verbraucherinnen und Verbraucher, Kredite aufzunehmen und Geld auszugeben. Denn die Binnennachfrage soll die stockende Konjunkturbelebung stützen.
Im zweiten Quartal wuchs die chinesische Wirtschaft so langsam wie seit mehr als drei Jahren nicht mehr. Eine robuste Industrie und boomende Exporte wurden von einem schwächelnden Konsum untergraben.
Die Zentralbank hat die Geschäftsbanken wiederholt aufgefordert, mehr Darlehen zu vergeben. Die Geldhäuser zögern jedoch. Sie haben stattdessen ihre Vergaberichtlinien verschärft, um sich vor zusätzlichen Kreditausfällen zu schützen. Die kurzlaufenden Darlehen an private Haushalte gingen allein im Juni um sieben Prozent zurück. Dies ist ein weiterer Beleg für die Schwäche des Marktes.
Höhere Risiken für die Geldgeber
Das Dilemma besteht darin, dass größtenteils nur noch Personen mit schlechter Bonität frisches Geld nachfragen. „Bonitätsstarke Kunden nutzen ihre Kreditkarten weniger“, sagt Analyst Nicholas Zhu von der Ratingagentur Moody’s. „Weniger kreditwürdige Verbraucher fragen weiterhin nach, was zu höheren Risiken für die Geldgeber führt.“
Der Gesamtbestand der von einem Zahlungsausfall bedrohten Kredite von Privathaushalten ist im vergangenen Jahr um mehr als ein Fünftel auf den Rekordwert von 2,22 Billionen Yuan (287,17 Mrd. Euro) gestiegen. Dies geht aus Daten des Analysehauses Gavekal Dragonomics hervor. Die Summe entspricht etwa 1,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt.
Demnach geriet 2024 jeder zehnte erwachsene Chinese mit seinen Ratenzahlungen in Verzug. Der Anstieg der faulen Kredite sei vor allem das Ergebnis einer lockeren Vergabe im Vorjahr, um die Konsumziele der Regierung zu erreichen, sagen mit den Vorgängen vertraute Banker.
Institute bieten Umschuldungen an
Die Institute steuern dem entgegen, indem sie Darlehen nicht sofort als notleidend einstufen. Stattdessen bieten sie Umschuldungen, Zahlungsaufschübe oder Zeit für den Verkauf von Immobilien an. „Die Situation bei überfälligen Privatkundenkrediten ist derzeit sehr ernst“, sagt ein Mitarbeiter einer chinesischen Geschäftsbank.
Analysten zufolge sind Geldgeber mit einem hohen Anteil an unbesicherten Verbraucherkrediten besonders anfällig. Chinas fünf große staatliche Banken meldeten im vergangenen Jahr allesamt steigende Quoten bei ausfallgefährdeten Privatkrediten (NPL).
Die China Merchants Bank, die als führender Kreditgeber für Privatkunden des Landes gilt, wies für das erste Quartal eine NPL-Quote bei Privatkrediten von 1,14 Prozent aus. Analysten gehen jedoch davon aus, dass die tatsächliche Zahl der notleidenden Kredite höher ist als von den Banken gemeldet.
Regierung fördert Kreditaufnahme
Die Regierung in Peking bietet unterdessen weiterhin Anreize zur Kreditaufnahme. Anfang …read more
Source:: Kurier.at – Wirtschaft



