
Österreichs Baubranche steckt weiterhin in der Rezession – und zwar das achte Jahr in Folge. Aus der Wirtschaft erklingt deshalb immer wieder der Ruf nach konjunkturbelebenden Maßnahmen. Zurecht? „Auf den ersten Blick sehen die Zahlen ziemlich düster aus“, sagt Ökonom Jan Kluge vom wirtschaftsliberalen Thinktank Agenda Austria zum KURIER.
Das hänge aber auch damit zusammen, dass insbesondere während der Niedrigzinsphase ohne Ende gebaut worden sei. „Die Branche ist sehr groß geworden, mit viel mehr Unternehmen und Beschäftigten“, sagt Kluge. Nach der Pandemie und dem Ende der EU-Niedrigzinspolitik sei der Bau nun wieder auf das Niveau der 2010er-Jahre geschrumpft. „Das ist ein riesiger Einbruch, allerdings von einem extrem hohen Niveau kommend“, betont der Ökonom.
Selbiges gelte für die Zahl der Aufträge für jene Bauunternehmen, die bisher die Insolvenzwelle überlebt haben. Heuer hatte ein Bauunternehmen laut Bundesinnung Bau im ersten Quartal im Durchschnitt 15 Wochen an Aufträgen in den Büchern. Das entspricht zirka dem Niveau von 2012 bis 2017. Im Rekordjahr 2022 waren es im Vergleichszeitraum 20,6 Wochen.
„Maßnahme kostet kein Geld“
Wie könnte man der Bauwirtschaft dennoch helfen? Ein großes, staatliches Bauprogramm ist mit Sicht auf die budgetäre Krise derzeit nicht finanzierbar. Das zeigen nicht zuletzt die Verschiebungen von Bauprojekten, etwa im ÖBB-Rahmenplan. WIFO-Direktor Gabriel Felbermayr appellierte bei der Präsentation der Konjunkturprognose, vor drei Wochen, dennoch dafür, Bauinvestitionen nicht zu streichen.
Zweitens schlug Felbermayr allerdings vor, und das ist neu, sanierte Altbauwohnungen aus dem Mietrechtsgesetz (MRG) auszunehmen. „Das ist ein hochinteressanter Vorschlag“, meint Kluge. Warum? „Die Maßnahme kostet erstens kein Geld. Zweitens bedeutet das Arbeit für die Baubranche. Und drittens würde der Sanierungsstau im Wohnbereich angegangen.“
Hoher Sanierungsbedarf
Im langjährigen Durchschnitt liegt die Sanierungsquote pro Jahr bei rund 1,5 Prozent des Bestandes. „Um bis 2040 vollständig zu dekarbonisieren, bräuchten wir aber eine Verdopplung der Sanierungsrate“, betont Kluge in Bezug auf das Umweltbundesamt und Institut für Immobilien, Bauen und Wohnen (IIBW). Insgesamt haben 1,7 von insgesamt etwas mehr als fünf Millionen Wohnungen in Österreich einen unzureichenden thermischen Standard. Das Problem: Bei Altbauwohnungen, die dem Richtwertsystem unterliegen, würde sich eine Sanierung derzeit einfach nicht lohnen, „weil die Richtwerte das nicht berücksichtigen“, sagt Kluge.
Eine vergleichbare Maßnahme gab es bereits 1985: „Damals wurden Kategorie-A-Wohnungen bei rascher Neuvermietung aus der Mietzinsregulierung entlassen, was einen wahren Sanierungsboom ausgelöst hat.“
Welche Auswirkungen hätte das für betroffene Mieter im Altbau? „Es wäre ein Abtausch. Der Mieter zahlt eine höhere Miete, hat aber geringere Energiekosten, weil er gleichzeitig weniger heizen muss“, meint Kluge. Davor müsse man natürlich klar definieren, ab wann eine Wohnung als saniert gilt – und welche Einspruchsrechte die Mieter in so einem Modell hätten.
Kluge bleibt realistisch: „Natürlich ginge sowas nicht schnell und einige Interessensvertreter würden auf die Barrikaden gehen. Aber es hätte seinen Charme.“
Source:: Kurier.at – Politik



