„Der Zarewitsch“ an der Volksoper: Verbotene Liebe in Kussland

Kultur

Vielleicht kann die Operette, das aus der Zeit gefallene musiktheatreale Sorgenkind von einst, doch gerettet werden, investiert man nur ein Übermaß an Fleiß und Liebe? Wer diesen Verdacht hegt, der dürfte sich vom neuen „Zarewitsch“ an der Volksoper bestätigt fühlen: Hier gibt es Lehár wie aus dem, im wahrsten Sinne, Bilderbuch. 

Der niederländische Regisseur Steef de Jong bringt die Operette mit unzähligen Zeichnungen auf die Bühne, die mit handgemachtem Bastelcharme Aspekte jenen Zaubers einfangen, den das Genre wohl einst hatte. Und erzählt mit viel Begeisterung und jenem Eifer, den nur allergrößte Zuneigung ermöglicht, in einer Bilderchoreografie auf großer Leinwand die Geschichte einer verbotenen Liebe in Kussland (denn das echte Reich von Zar Putin eignet sich für diese Story weniger).

Der Nachwuchs-Zar hat es nicht so mit den Frauen! Tja nun. 

Bei Lehár verkleidet sich eine Tänzerin als Mann, um hier bühnentaugliche Abhilfe zu schaffen; in der Volksoper nun wird die Sache umgedreht: Sonja ist hier ein Mann, der auf der Bühne eine Frau spielt – und wird, in der auch schon langen Tradition des Genderswitchs, zur großen queeren Liebe des Zarensohns. Die Story um Standesdünkel und Staatsaffären wird zum Plädoyer dafür, die Liebe dort hinfallen zu lassen, wo sie wachsen kann.

Das sollte den Fans gerade der Operette eigentlich nicht fern stehen, wer aber partout nur eine klassische Operetteninszenierung streng am Buch entlang sucht, muss hier eventuell kurz gegenchecken (ja, es ist im „Zarewitsch“ durchaus angelegt). Denn der Abend spielt mit allerlei weiteren Drehungen: Vier Sängerinnen und Sänger – David Kerber, Hedwig Ritter, Martin Enenkel und Juliette Khalil – spielen alle Rollen, und eigentlich spielen sie, diese zu spielen. Man befindet sich im Requisitenlager, und die Operette wird quasi in ihrer Entstehung erzählt, das Ensemble schlüpft  gleichsam vor dem Vorhang in die Rollen, und auch wieder aus diesen heraus.

  Die Torakrone in der Truhe und das Toraschild aus Erlach

Die Zeichnungen spielen die Hauptrolle

Die Hauptrolle spielen die liebevollen Tricks, die De Jong mit den Zeichnungen und zuweilen auch mit den ebenso handgemachten Papprequisiten vollzieht. Er sitzt an einem Tisch auf der Bühne, auf den er seine Illustrationen legt, von dort werden sie auf die Leinwand projiziert. Man kennt das, was dann passiert, vielleicht noch aus dem Werkunterricht: Wenn der Regisseur an diversen Papierstreifen zieht, bewegen sich Teile der Zeichnung; so fließt eine Träne auf der Wange des Zarewitsch, so zieht sich sein Mundwinkel später hoch, als er sich seiner Liebe bewusst wird.

De Jong klappt Dinge auf und zu, faltet, streicht, bewegt – und nach und nach erzählen diese Einzelbilder eine große Geschichte der Liebe. Das klingt aber weit geschäftiger, als es ist! Man ist hier nicht bei Pixar oder Disney, sondern in einer Aufführung, die sich Zeit nimmt und Raum lässt für Fantasie.

Zug fährt durch

Manches ist besonders hübsch: Ein Zug fährt quer über die Bühne, indem der Chor – der sonst die vorderen zwei Säulen an Logen füllt und von dort aus singt – eine Karton-Auf-und-Zu-Choreografie vollführt. Die glücklosen Heiratskandidatinnen werden  wie bei Tinder am Handy weggewischt (und bei einer besonders Ansprechenden wird per Fingergeste auf entscheidende Körperteile hineingezoomt).

Wie so oft bei der Operette tut …read more

Source:: Kurier.at – Kultur

      

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