
Der Knopf im Ohr bekommt einen neuen Besitzer. Ravensburger übernimmt die Mehrheit am Plüschtierhersteller Steiff – und bringt damit zwei der bekanntesten deutschen Spielzeugmarken unter ein Dach. Was nach außen wie eine Erfolgsstory klingt, ist bei genauerem Hinsehen vor allem eines: ein Zusammenschluss aus wirtschaftlicher Not.
Denn beide Unternehmen stehen laut DPA unter Druck. Ravensburger musste 2025 einen Umsatzrückgang von 790 auf 742 Millionen Euro verkraften. Der Hype um das Sammelkartenspiel „Disney Lorcana“ ist abgeflaut, der Kostendruck steigt. Die Folge: Stellenabbau im unteren zweistelligen Bereich bei insgesamt 2.500 Mitarbeitern.
Der Steiff-Gruppe geht es nicht besser. Sie beschäftigt heute knapp 1.300 Mitarbeiter. Neben Plüschtieren gehören auch ein Automobilzulieferer und eine Weberei zum Konzern.
Die Gruppe schrieb 2023 rote Zahlen – 416.000 Euro Verlust. Der Umsatz liegt mit 94 Millionen Euro deutlich unter dem Niveau von 2019, als noch 112 Millionen Euro erlöst wurden. Wie es dem Traditionsunternehmen aktuell geht, ist unklar. Neuere Zahlen gibt es nicht.
Familie gibt Verantwortung ab
Für die Erben der Gründerin Margarete Steiff ist die Übernahme ein Eingeständnis: Allein geht es nicht mehr weiter. „Für uns war entscheidend, Steiff in verantwortungsvolle, unternehmerische Hände zu geben“, sagt Frederik Reimann, Geschäftsführer der Steiff Beteiligungsgesellschaft. Die Familie will zwar wesentlich beteiligt bleiben – doch die strategische Führung geht an Ravensburger.
Wie viel die Oberschwaben für die Mehrheit bezahlen, bleibt geheim. Auch die genaue Beteiligungshöhe wird nicht genannt. Die Transaktion steht noch unter Kartellvorbehalt. Steiff soll eigenständig geführt werden, heißt es. Ob das mehr als eine Floskel ist, wird sich zeigen.
Ravensburger auf Einkaufstour
Für Ravensburger ist Steiff nicht der erste Zukauf. Erst kürzlich sicherte sich das Unternehmen die Mehrheit am NordSüd Verlag, dem größten Schweizer Kinderbuchverlag. Zur Gruppe gehören bereits die Holzeisenbahn-Marke Brio und der Spielkartenverlag FX Schmidt. Mit Steiff kommt nun ein weiterer großer Name hinzu – und ein neues Geschäftsfeld: Plüschtiere.
„Steiff steht in besonderer Weise für das Herz“, sagt Ravensburger-Chef Clemens Maier. Die emotionale Kraft der Marke soll helfen, das Portfolio zu erweitern. Doch dahinter steckt Kalkül: Ravensburger will sich breiter aufstellen, um weniger abhängig von einzelnen Produkten zu sein. Events wie Sammelkarten-Turniere und personalisierte Angebote wie Fotopuzzles sollen künftig eine größere Rolle spielen.
Branche im Umbruch
Die Steiff-Übernahme ist ein Symptom für den Umbruch in der Spielzeugbranche. Traditionelle Hersteller kämpfen mit sinkenden Umsätzen, steigenden Kosten und verändertem Konsumverhalten. Playmobil setzt auf neue Zielgruppen – etwa mit Figuren der Fußball-Nationalmannschaft. Die Simba-Dickie-Group, zu der Märklin und Big gehören, kaufte Anfang 2026 eine US-Firma, um international zu wachsen.
Auch Steiff hat längst reagiert. Neben klassischen Teddybären gibt es heute Bären in Fußballtrikots, Disney-Figuren wie Winnie Puuh und sogar Baby- und Kinderkleidung. Doch das reicht offenbar nicht. Die Marke, die 1902 den weltweit ersten Plüschbären mit beweglichen Armen und Beinen erfand, braucht neue Impulse.
„Die Partnerschaft schafft den Rahmen, internationale Potenziale gezielt zu nutzen“, sagt Steiff-Chef Frank Rheinboldt. Übersetzt heißt das: Ravensburger soll mit seinem internationalen Vertrieb und seiner Finanzkraft helfen, Steiff wieder in die Gewinnzone zu bringen.
Zwei Kultmarken, eine Strategie
Was „Memory“, „Das verrückte Labyrinth“ und „Tiptoi“ für Ravensburger sind, ist der Knopf im Ohr für Steiff: ein Stück deutscher Spielzeuggeschichte. Doch …read more
Source:: Kurier.at – Wirtschaft



