
Theater, wie man es noch nie gesehen hat: Das macht Phia Ménard höchst eindrucksvoll. Das Besondere dabei ist: Die Französin arbeitet nicht mit Tricks, sie zaubert mit der Physik und den Elementen.
Ab 2017 realisierte sie die „Trilogie des Contes Immoraux (pour Europe)“: Im ersten Teil baute sie aus Kartonteilen mit Klebeband und ein paar Stangen ein beachtliches Haus, aus dem sie mit der Motorsäge kurzerhand einen Tempel der Weisheit schnitzte. Dann folgte die Katastrophe: Es fiel dichter Regen, die Bühne wurde geflutet, der Karton aufgeweicht, das Parthenon knickte ein – und Europa ging quasi unter.
Dann erhob sich aus dem Nebel ein Fundament: „Auf! Lasset uns einen Turm bauen, dessen Spitze bis an die Sterne reiche!“ Gesagt, getan: Vier Menschen in schwarzen Overalls errichteten aus Holz-Bauteilen einen Turm zu Babel – in drei Etagen, zehn Meter hoch, bis in den Bühnenhimmel hinein. Ohne Sicherungsseile bauten sie dieses wackelige Sinnbild für Kapitalismus und Expansion. Eine Zitterpartie – zumindest für das staunende Publikum.
Nicht neu, auf neue Weise
Der erste Teil war 2019 bei den Wiener Festwochen zu sehen gewesen, die gesamte Trilogie zwei Jahre später. Heuer ist Phia Ménard mit ihrer Compagnie Non Nova wieder in Wien, allerdings bei ImpulsTanz. Das Gastspiel sollte man sich nicht entgehen lassen: Man sitzt 75 Minuten lang wie gebannt.
Phia Ménard, 1971 in Nantes geboren, war als 20-Jährige derart von der zeitgenössischen Jonglage des französischen Zirkuskünstlers Jérôme Thomas fasziniert, dass sie sich von ihm ausbilden ließ und bis 2003 Mitglied dessen Compagnie beziehungsweise von ARMO (Atelier de Recherche en Manipulation d’Objets) war. Nebenbei gründete sie Non Nova. Der Name leitet sich vom lateinischen Sprichwort „Non nova, sed nove“ ab: Nicht neue Dinge will sie entwickeln, aber auf neue Weise.
Ménard ersetzte zum Beispiel Bälle und Kegel durch alltägliche, aber „unjonglierbare“ Gegenstände, darunter zerbrochene Gläser oder Kakteen. In der Performance „P.P.P.“, mit der ihr 2008 der Durchbruch gelang, thematisierte sie, sich in der falschen Haut zu fühlen: Sie verwendete 120 große Eiskugeln, die sich nach und nach verflüssigen, trat also in einen Dialog mit einem sich in Veränderung befindlichen Material. Das Eis wurde zentraler Bestandteil mehrerer Arbeiten. Es entstanden aber nicht „Stücke des Eises“, sondern auch „Stücke des Windes“. Zu diesen zählt auch die jüngste Kreation mit dem Titel „nocturne (Parade)“.
Als Basis dient Ménard unter anderem die Ballade „Erlkönig“ von Johann Wolfgang Goethe aus 1782: „Wer reitet so spät durch Nacht und Wind? / Es ist der Vater mit seinem Kind.“ Er versucht den Sohn, der den Erlenkönig gesehen haben will, zu beruhigen: „Es ist ein Nebelstreif.“
Mit Verlockungen scheitert der König: „Und bist du nicht willig, / so brauch’ ich Gewalt.“ Es klagt: „Mein Vater, mein Vater, jetzt fasst er mich an! / Erlkönig hat mir ein Leids getan!“ Der Vater reitet geschwind: „Er hält in Armen das ächzende Kind, / Erreicht den Hof mit Mühe und Not; / In seinen Armen das Kind war tot.“
Der KURIER sah – auf Einladung von ImpulsTanz – eine Vorstellung in Lyon: Die Prinzipalin begrüßt beim Einlass jeden einzeln, man wird in eine kleine Zirkusarena …read more
Source:: Kurier.at – Kultur



