Wiener Festwochen: Durchritualisierte Todesekstase

Kultur

Mitunter erstaunt es, wie alles mit allem zusammenhängt – und dem Programm der Wiener Festwochen abseits der diesjährigen „Republic of Gods“ so etwas wie eine übergeordnete Dramaturgie innewohnt. Denn quasi als Synthese diverser Produktionen hatte am Donnerstag im Volkstheater „Seppuku. Die Beerdigung von Mishima oder die Lust am Sterben“ heftig akklamierte Premiere. Der Titel hält, was er verspricht.

Ausgangspunkt war, wie man nach einer längeren Einführung in die Kunst des rituellen Selbstmordes in Japan (eben Seppuku bzw. Harakiri) erfährt, ein persönliches Erlebnis: Am 7. Jänner 2024 sah die spanische Performancekünstlerin Angélica Liddell, wie sich eine Frau von einem Hausdach in der Gran Vía von Madrid direkt vor ihr in die Tiefe stürzte: „Das Geräusch, das ihr Körper beim Aufschlagen gemacht hat, verfolgt mich seitdem wie ein Tinnitus.“

Um sich ihren „Höllenängsten“ zu stellen, beschäftigte sie sich mit Menschen, die den Freitod wählten, und den Gründen. Ihre Compagnie Atra Bilis Teatro erbat von Hinterbliebenen nicht nur Erinnerungen, sondern auch Kleidungsstücke der Toten. Angélica Liddell lässt sich diese von ihren japanischen Adlaten bringen – und zieht sie nacheinander an.

Sie schlüpft mithin in Rollen und Sterbegeschichten. Diese Szene erinnert stark an die Stückentwicklung „Mythen des Alltags“, die zu Beginn der Festwochen im Volkstheater uraufgeführt wurde. Denn auch da nähern sich die Akteure den Geschichten der Menschen über zur Verfügung gestellte Kleidungsstücke an.

Erotik, Sex und Blut

Suizid folgt auf Suizid: Liddell riecht an der Wäsche, sie fühlt und leidet mit. Und verknüpft diese Suizide mit dem japanischen Schriftsteller Yukio Mishima, der sie seit ihrer Jugend in die „unauflösbare Trinität“ aus Erotik, Schönheit und Tod unterwiesen habe. Der Kandidat für den Literaturnobelpreis, 1925 geboren, inszenierte 1966 seinen rituellen Selbstmord in einem Kurzfilm, vier Jahre später beging er tatsächlich Seppuku.

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Liddell gestaltet eine Art Reenactment – in einem Bühnenbild, das mit einer Rückwand aus gut 250 Blattgoldplättchen an einen japanischen Tempelgarten erinnert. Ihre Adlaten stellen den Selbstmord als höchst artifizielles, auch recht enervierendes Nô-Theater nach – und auch den kleinen Tod.

Liddell versucht in der Folge eine Verschmelzung mit ihrer westlichen, sehr expliziten Performancekunst: Sie lässt sich und einem weiteren japanischen Darsteller höchst fachfraulich je zwei Phiolen Blut entnehmen, um die Lebenssäfte in einer Schüssel zu vermischen und auf eine Leinwand zu spritzen. Das erinnert natürlich an Florentina Holzinger (mit „Pfingstspiel“ bei den Festwochen). Und die Draculas, die in Philippe Quesnes Dystopie „Vampire’s Mountain“ darbten, hätten ob der Blutverschwendung aufgejault.

Den Höhepunkt erreicht der mitunter auch langatmige Zweistünder, wenn sich Angélica Liddell in ein ekstatisches Plädoyer für den Selbstmord steigert. Und sie bricht den Szenenreigen mit drastischen Einschüben (sie besorgt es sich mit einem Lappen Fleisch) wie humorvollen Elementen: Ein posender Bodybuilder stellt einen herben Kontrast zu strippenden Burschen dar.

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Source:: Kurier.at – Kultur

      

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