
Für die folgende Passage hilft es, wenn man die eigene Kopfstimme auf diesen getragenen, sonoren Naturdokusprechertonfall umstellt. „Jede Generation der Menschen glaubt, die Liebe (und die dazugehörigen Freuden) erfunden zu haben“, sagt dieser Sprecher, im Hintergrund: schöne junge Menschen beim glücklich Verliebtsein. Und weiter: „Jede Generation glaubt auch, den größten Schmerz der Menschheitsgeschichte beim unweigerlichen Ende dieser ersten Liebe zu fühlen.“
Nein, diese Doku gibt es nicht. Aber es gäbe bereits den passenden Soundtrack: Olivia Rodrigos neues Album „You Seem Pretty Sad for a Girl So in Love“ dokumentiert ihre erste „Große-Mädchen-Beziehung“ vom uferlosen Verliebtsein hart an der Blödheitsgrenze über die Mollklänge, die sich alsbald einschleichen, bis zum total traurigen Zerplatzen des großen Lebenstraumes.
Wer kurz vergessen hat, wofür Popmusik eigentlich gut ist, hier ist die Antwort: Das Album mit dem langen Namen spricht gleichermaßen zu allen, die das gerade durchmachen (sorry, ihr Armen!), und zu jenen, die sich ein Leben später noch einmal dieses Sturmes entsinnen wollen, dieser Zeit, als man noch etwas anderes spürte als den Zorn auf das Wäscheaufhängen und diese bleierne Müdigkeit am Morgen.
Das Thema ist noch dazu bei Rodrigo in hervorragenden Händen. Sie hat zwar die Blaupausenkarriere vieler Popsängerinnen von heute hinter sich: Disney-Serie, erster eigener Hit in jungen Jahren (hier: „Driver’s License“ mit 17), steile Karriere.
Sie ist aber weit weniger glattgeschmirgelt als einige jener Kolleginnen, die das alles auch schon so durchgemacht haben. Ihre Musik bestand bisher zu einem nicht unwesentlichen und erfreulichem Anteil aus sehr freundlich daherkommenden Giftpfeilchen, aus satirischen, selbstbezüglichen und auch mal ordentlich keppelnden Songs mit Gitarren.
Heilmittel
Auf ihrem dritten Album nun hat sie sich einem Sound verschrieben, der nicht mehr ganz so jungen Zuhörenden als leicht zugängliches Nostalgiehilfsmittel dienen mag: Es klingt das alles sehr nach dem, was man in den 1980ern im guten Teil der Hitparade gehört hat.
Und es ist Robert Smith dabei! Dessen Band, The Cure, kommt in allerlei Anspielungen und einem Songtitel vor, er selbst dann lässt in „What’s Wrong With Me“ seinen unverwechselbaren Akzent mit dem von Rodrigo auf gewinnbringende Weise kollidieren.
An diesem Punkt des Albums ist es schon geschehen um die große Liebe, die zuerst noch in all ihrer Urgewalt geschildert wird, obwohl, wie Rodrigo singt, es eigentlich zu kompliziert ist, das zu beschreiben.
Sie tut es trotzdem: Man hat „Maden im Hirn“, wenn der andere weg ist.
Ist so lebendig wie nie und macht Blödheiten wie die Initialen in einen Ledersitz zu schnitzen (wieder Naturdokusprechertonfall: „So etwas klingt romantisch, überdauert aber viele Beziehungen auf unangenehme Art und Weise“).
Rodrigos Songs sind kompetente Anwendungen von Stilsicherheit: Selbst diese ansonsten leicht verplattete Schwärmerei ist – wie eine Parallelbuchhaltung, mit der man Einnahmen an der Steuer vorbei schummelt – begleitet von kleinen Selbstbeobachtungen und Relativierungen und musikalischen Ironisierungen.
Bei „Purple“ kippt es dann, der Song war, erzählte Rodrigo, zuerst ein reines Liebeslied, bevor sie es aus offenbar realem Anlass umgeschrieben hat. Es ist schließlich doch eine (zu) kleine Welt, wenn sie sich nur um zwei Personen dreht, man verschmilzt ineinander, singt sie. Und da das nicht sein muss, ist es dann halt aus.
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Source:: Kurier.at – Kultur



