„9 von 10 Wahlkampagnen sind totlangweilig, voller nichtssagender Floskeln und austauschbaren Bildern“ – Werber Jean-Remy von Matt im Interview

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Jean-Remy von Matt

Jean-Remy von Matt hatte sich vorgenommen, niemals Werbung für eine politische Partei zu machen. An diesem Grundsatz hielt er sich auch eisern, bis das Jahr 2015 kam. Einer der erfolgreichsten Werber Deutschlands hat mit seiner Agentur Jung von Matt seitdem zwei große politische Kampagnen gemacht. Die eine half Alexander von der Bellen, in Österreich Präsident zu werden. Die andere verhinderte nicht, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel bei der vorigen Bundestagswahl ein mäßiges Ergebnis einfuhr. Im Interview erklärt von Matt, weshalb er mit der Merkel-Kampagne hadert, was die AfD gerade richtig macht und weshalb er gerne die neue Werbekampagne der Bundeswehr übernehmen würde.

Business Insider: War deine Merkel-Kampagne ein Fehler?

Jean-Remy von Matt: Bei der Gründung unserer Agentur haben wir entschieden, niemals Parteienwerbung zu machen. Das war nicht ideologisch motiviert, doch wir konnten uns einfach nicht vorstellen, dass da jemals etwas entsteht, auf das wir stolz sein können. Insofern war die Entscheidung, die Kampagne für Angela Merkel zu machen, kontrovers. Die Mehrheit im Vorstand war dagegen, ich wollte aber unbedingt. Denn wir befanden uns im Herbst 2016, als die AfD in Mecklenburg Vorpommern über die 20 Prozent schoss. Ich bereue die Entscheidung nicht, es war eine interessante Zeit auf einem für mich völlig unbekanntem Feld.

BI: Hast du dich davor überhaupt für Politik interessiert?

von Matt: Nein, offen gestanden war ich davor nicht besonders interessiert an Politik, als Schweizer ist man das ja selten. Aber nach Jahrzehnten Werbung für Produkte und Dienstleistungen, sozusagen im Abendrot meiner Laufbahn, reizte mich ein neues Thema. Außerdem fand ich spannend, ein Jahr lang jede Woche mit dieser großartigen Frau über Kommunikation zu diskutieren. Dafür habe ich dann auch gerne ein Jahr lang keinen Urlaub genommen. Leider war der Erfolg am Ende überschaubar. Frau Merkel hat uns zwar versichert, dass das nicht an uns lag, ich kann mir aber nicht vorstellen, dass die Kampagne, die wir entwickelt haben, besonders wirksam war.

BI: War das dein erster Ausflug in die Politikberatung?

von Matt: Ja, was mich persönlich betrifft, nein, was unsere Agenturgruppe betrifft: Die Agentur Jung von Matt/Donau hatte 2016 die Präsidentschaftskampagne für Alexander von der Bellen in Österreich gemacht. Sogar drei Mal: Die erste Wahl musste wiederholt werden, weil das Ergebnis nicht eindeutig war. Und die zweite, weil irgendetwas mit den Stimmzetteln nicht stimmte. Beim dritten Wahlgang setzte sich unser Kandidat klar durch – unterstützt von einer Kampagne, auf die wir wirklich stolz sein konnten.

BI: Danach sind die Grünen in Österreich allerdings in der Versenkung verschwunden.

von Matt: Mag sein, aber bei der Europawahl sind sie wieder auferstanden – aus meiner Sicht, weil sie eine geniale Idee hatten: nämlich Sarah Wiener zu holen und für den zweiten Listenplatz kandidieren zu lassen. Ein politischer Coup. Ich bin überzeugt, dass sie die entscheidenden Prozentpunkte gebracht hat, weil sie eine faszinierende Persönlichkeit und engagierte Kommunikatorin ist. Außerdem vertritt sie die grünen Werte mit höchster Glaubwürdigkeit.

BI: Für die Merkel-Kampagne musstet ihr damals einen Pitch abgeben, richtig?

von Matt: Wir sollten uns bei ihr und ihrem Team mit ersten Ansätzen vorstellen, im Wettbewerb mit zwei, drei anderen Agenturen.

BI: …read more

Source:: Business Insider.de

      

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