
Wien um 1670. Schön, alt und herrschaftlich. Und ein Drecksloch. In den Hinterhöfen der Fleischhauereien verwesen die Kadaver. Wer auf dem Markt einkauft, findet Würmer und Rattenkot in Gemüse und Brot. Selbst aus den Fenstern der besseren Leute werden die Nachttöpfe einfach auf die Straße geleert.
Der Arzt Pedro de Rojas warnt die Behörden vor Seuchen, die die Stadt bald heimsuchen werden. Man hört nicht auf ihn, doch er wird recht behalten. 1678 treten die ersten Fälle von Pest auf, bald grassiert die Seuche in ganz Wien. Schätzungen zufolge fällt mindestens ein Fünftel der Einwohner Wiens der Pest zum Opfer.
De Rojas ist als Leibarzt von Kaiserin Margarita Teresa aus Madrid nach Wien gekommen. Die Infantin von Spanien aus der spanischen Linie der Habsburger ist die Gattin von Kaiser Leopold I. und zugleich seine Nichte und Cousine. Die Heirat war lange geplant. Über die Jahre ließ man Gemälde von ihr vom spanischen Hofmaler Diego Velázquez anfertigen und nach Wien schicken.
Mit knapp fünfzehn kommt die junge Frau selbst. Sie soll dem Kaiser einen gesunden männlichen Thronfolger gebären. Vergeblich. Sie stirbt mit 21 Jahren, geschwächt von insgesamt sechs Geburten, bei denen nur ein Kind, ein Mädchen, überlebt. Das Lebenswerk der erzkatholischen Frau: Die Vertreibung der Juden aus Wien. Sie machte sie für alles Übel verantwortlich, allen voran ihre Fehlgeburten.
Alles an dieser Geschichte stimmt. Bis auf Pedro de Rojas. Der, um den es in Vladimir Vertlibs historischem Roman „Der Jude der Kaiserin“ geht. Ihn, einen konvertierten Juden, der seinen Glauben im Geheimen praktiziert, hat Vertlib erfunden. Er passt perfekt in diesen spannenden historischen Wien-Roman, über dessen zweite Protagonistin, die kindliche, von Angst und Antisemitismus zerfressene Kaiserin, Vertlib schon lange nachdenkt.
Als Jugendlicher sah er die berühmten Gemälde der Infantin von Spanien im Kunsthistorischen Museum. „Damals konnte man mit dem Schülerausweis an den Wochenenden kostenlos Museen besuchen. Ich bin im Kunsthistorischem Museum immer vor diesen Bildern von Velázquez gestanden.“
Die menschliche Existenz
Das Schicksal der Kaiserin beschäftigte ihn auch als Erwachsener. „Sie muss eine gebrochene und ambivalente Figur gewesen sein, also für einen Schriftsteller sehr interessant. Solche Figuren spiegeln unsere menschliche Existenz wider, mit all ihren Höhen und Tiefen.“
Und die Idee des konvertierten Juden Pedro? „Das Leben zwischen den Stühlen interessiert mich, weil ich mich selbst als Kind und Jugendlicher lange verstellen musste.“ Das erste Mal mit fünf. „Meine Eltern wollten als Juden aus der Sowjetunion nach Israel auswandern. Ich durfte das niemandem erzählen. Israel galt als Feindesland in der Sowjetunion.“ Es war der Beginn einer Odyssee. Die Familie reiste um die halbe Welt, unfreiwillig. Eine lange Geschichte, die Vertlib in mehreren Romanen, etwa in „Zwischenstationen“ verarbeitet hat. Israel, Italien, Holland und die USA waren die Haltestellen, bevor sich die Vertlibs in Österreich niederließen. Dem kleinen Vladimir wurde jahrelang eingebläut, er dürfe niemandem erzählen, woher er komme und wohin er gehe. „Meine Eltern waren sehr paranoid, sie waren von der sowjetischen Realität geprägt. Niemand sollte wissen, dass wir schon so lange unterwegs waren. Ich habe mir eine fiktive Biografie für meine Mitschüler ausgedacht, mit einer Lehrerin in Russland, die …read more
Source:: Kurier.at – Kultur



