
Von Denise Wendel-Poray
Die bemerkenswerteste Leistung des diesjährigen Festivals von Aix-en-Provence war nicht eine einzelne Produktion, sondern die kluge und durchdachte Programmgestaltung. Clément Cogitores Inszenierung der „Zauberflöte“, Barrie Koskys „Frau ohne Schatten“, Francesco Filideis „Accabadora“ und Romeo Castelluccis „Requiem“ sind sehr unterschiedliche Werke. Dennoch stellen sie alle die Verlässlichkeit von Wahrheit in Zweifel und fragen danach, was bleibt, wenn Geschichte, Erinnerung und selbst moralische Gewissheiten zu zerbrechen beginnen.
Es ist das zweite Festival in Aix seit dem plötzlichen Tod von Pierre Audi im Mai 2025, doch das Programm trägt noch ganz deutlich seine Handschrift. Der neue künstlerische Leiter des Festivals, Ted Huffman, betonte auch, dass dies Audis Entscheidungen gewesen seien und nicht seine eigenen.
Großes Erbe
Mit 48 Jahren repräsentiert der amerikanische Regisseur eine ganz andere Generation von Opernchefs. Er realisierte als Regisseur zeitgenössische Stücke an Häusern wie Covent Garden, der Pariser Oper, Glyndebourne und Zürich. Dabei bringt er nichts von jener Selbstinszenierung mit, die lange Zeit viele führende Persönlichkeiten der Opernwelt geprägt hat. Huffman steht offenbar fest in der Tradition Pierre Audis. Dieser war einer der herausragenden künstlerischen Leiter Europas, ohne jemals dem Kult des allwissenden Impresarios anzuhängen. Seine Autorität beruhte nicht auf Ego, sondern auf Intelligenz, Neugier und einer außergewöhnlichen Fähigkeit, Künstler zusammenzubringen.
Gleich die Eröffnungsproduktion machte die Ausrichtung des wichtigsten französischen Kulturfestivals deutlich. Der gefeierte Filmemacher Clément Cogitore präsentiert Mozarts „Zauberflöte“ als Untersuchung der Versprechen und des Scheiterns der Aufklärung. Die Handlung spielt in den Ruinen des Nachkriegsdeutschlands und fragt, was von den Idealen der Vernunft und des Fortschritts nach den Katastrophen des 20. Jahrhunderts geblieben ist. Archivaufnahmen verbinden die Zerstörung der 1940er-Jahre mit den Konflikten, die Europa und den Nahen Osten bis heute prägen. Cogitores Botschaft ist kompromisslos: Geschichte wiederholt sich, weil ihre Lehren nie vollständig verinnerlicht werden.
Leonardo García Alarcón entlockt dem Orchester der Cappella Mediterranea eine Vielzahl wunderschöner Klangfarben und macht die Transparenz und die Kontraste von Mozarts Partitur hörbar. Ying Fangs leuchtende Pamina und Mauro Peters tief menschlicher Tamino bilden das emotionale Zentrum der Aufführung, während Sabine Devieilhe die Königin der Nacht in eine Trümmerfrau verwandelt – eine von der Geschichte gebrochene Seele, deren Schmerz letztlich überzeugender wirkt als ihr Wunsch nach Rache.
Ein Triumph
Barrie Koskys Regie bei „Die Frau ohne Schatten“ gelangt auf völlig anderem Weg zu ähnlichen Fragestellungen. Michael Levines monumentale Bühnenbilder schufen eine der eindrucksvollsten Bildwelten des Festivals, während Klaus Mäkelä bei seiner ersten Erfahrung mit einer szenischen Oper einen Triumph feierte. Michael Spyres, Ambur Braid, Brian Mulligan und Nina Stemme führten eine Besetzung an, die den moralischen Konflikten eine packende dramatische und vokale Gestalt verlieh.
Die eigentliche Entdeckung der Woche war jedoch Francesco Filideis „Accabadora“. Basierend auf dem Roman von Michela Murgia, setzt sich das Werk mit der alten sardischen Tradition der Sterbehilfe auseinander. Filidei interessiert sich dabei weder für ein Plädoyer noch für eine Verurteilung dieser Praxis. Sein Thema sind Mitgefühl und die Last der Verantwortung. Seine Partitur offenbart eine außergewöhnliche Vorstellungskraft für orchestrale Klangfarben.
Noa Frenkel lieferte als Tzia Bonaria eine der besten Leistungen des Festivals. Unterstützt wurde sie von Lucie Leguays feinfühligem Dirigat an …read more
Source:: Kurier.at – Kultur



