10 Jahre nach dem Brexit: „Eine riesige Zeitverschwendung“

Politik

Catherine Sharp seufzt. Oh ja, sagt die Britin dann und lässt die Schultern sinken. Sie kann sich noch gut erinnern. „Wir sind extra von einer Europareise früher nach England zurückgekehrt, um noch abstimmen zu können.“ Und dann, in den frühen Morgenstunden des nächsten Tages, hörte sie die Worte des BBC -Moderators David Dimbleby: „Das britische Volk hat gesprochen: Wir sind draußen.“ Mit einer Mehrheit von 52 Prozent entschied die „Leave“-Bewegung am 23. Juni 2016 das Brexit-Referendum für sich. Catherine Sharp verzieht den Mund. „Wir konnten es nicht glauben.“

Kommenden Dienstag jährt sich das Brexit-Referendum zum zehnten Mal. Anlass für einen Lokalaugenschein: Was sagen die Briten ein Jahrzehnt später?

„Brexit?“, fragt die Pensionistin, die sich als Mrs. Downton vorstellt, am späten Vormittag in der High Street von Gosport. „Ich würde sofort wieder dafür abstimmen!“ Kampfbereit streckt sie ihren Gehstock in die Luft. „Der Austritt war notwendig“, ergänzt sie, „die EU hatte zu viel Macht über unsere Gesetze, hat unsere Gelder veruntreut.“

Der Kampf ums Geld

Es war ein gern genutztes Argument der Politik. „Wir überweisen der EU jede Woche 350 Millionen Pfund (umgerechnet 403 Mio. Euro, Anm.) – lasst uns stattdessen unser NHS (das öffentliche Gesundheitssystem) finanzieren“, ließ der damalige Brexit-Vorkämpfer Boris Johnson 2016 auf den roten Doppeldeckerbus drucken, mit dem er während seiner „Leave“-Kampagne durchs Land brauste.

Dass die 350 Millionen Pfund den Bruttobetrag vor etwaigen Abzügen betrafen und dass Großbritannien im Gegenzug monetäre Unterstützung für Landwirtschaft, Forschung oder dünn besiedelte Regionen erhielt, blieb dabei unerwähnt. Später wurde dann gerne ausgeblendet, dass nach dem EU-Austritt die NHS-Warteliste auf 7,6 Millionen Menschen anwuchs.

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Mrs. Downtons EU-kritische Einstellung ist im südenglischen Gosport jedoch keine Ausnahme. Mit 63,9 Prozent stimmte hier eine deutliche Mehrheit für den Brexit. Die Hafenstadt vereint mit einer alternden Bevölkerung, einem niedrigeren Durchschnittseinkommen und einer, auch durch die Militärpräsenz, starken englischen Identität drei Merkmale, die sich häufig in „Leave“-Hochburgen finden ließen.

Doch nicht alle Bewohner hier sind zehn Jahre später von ihrer damaligen Entscheidung überzeugt. Die Pensionistin Angie Smith, auf dem Weg zum Wocheneinkauf, hat vor zehn Jahren ebenfalls für „Leave“ gestimmt. Heute hat sie gemischte Gefühle: „Wir wurden mit falschen Informationen gefüttert; die ganzen Argumente waren ja nur Parolen.“ Jetzt sei das Reisen schwieriger geworden und die Preise höher. Ehemann Chris nickt: „Wir sind alleine einfach zu klein.“

Szenenwechsel. 50 Autominuten nördlich von Gosport tummeln sich auf der Grünfläche vor der Kathedrale in Winchester am frühen Nachmittag Studierende, Besucher und Angestellte in der Mittagspause. Wie in den meisten großen Universitätsstädten stimmte auch in Winchester die überwiegende Mehrheit für den Verbleib in der EU.

Internationaler Austausch

An die 73 Prozent, die in Cambridge für „Remain“ stimmten, kam Winchester zwar nicht heran, aber mit 59 Prozent war die Mehrheit doch eindeutig. „Aber natürlich!“, sagt die 68-jährige Laura. „Es ist eine Schande, was an dem Tag passiert ist. Meine Tochter hatte noch das Glück, vor dem Brexit mit dem Erasmus-Programm nach Spanien zu gehen. Sie hat so sehr davon profitiert.“ Die EU, ergänzt dann auch die Britin Catherine Sharp, sei doch Familie. Man gehöre zusammen. Die beiden Frauen schütteln den Kopf.

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Source:: Kurier.at – Politik

      

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