Klare Ansage vom Sucht-Experten: „Kein Handy im Schlafzimmer“

Politik

Oliver Scheibenbogen ist klinischer Psychologe und hat das „Handy-Experiment“ wissenschaftlich begleitet. In der Milchbar, dem Innenpolitik-Podcast des KURIER, erklärt er, welche Schäden exzessiver Handy-Gebrauch bei Kindern hinterlässt, wie man richtig mit Social Media umgeht – und warum bei Smartphones ein „Schamane“ fehlt.

KURIER: Sie haben das Handy-Experiment begleitet, bei dem mehr als 70.000 Schüler drei Wochen auf ihr Smartphone verzichtet haben. Warum nicht drei Monate?

Oliver Scheibenbogen: Natürlich wäre eine längere Versuchsdauer besser gewesen. Wir wissen, dass sich Gewohnheiten im Schnitt erst nach 60 Tagen verändern. Aber Jugendliche 60 Tage dazu zu bringen, aufs Handy zu verzichten, erschien uns zu lang.

Eine der Erfahrungen, die die Schüler nach dem Experiment geteilt haben, war, dass sich ihre Zeit am Bildschirm dort eingependelt hat, wo sie auch vor dem Experiment lag. War das Ganze sinnlos?

Es ging beim Experiment nicht darum, das Smartphone danach völlig wegzulassen. Ziel war, eine Reflexion anzustoßen. Und das ist uns sehr gut gelungen. Das Handy-Experiment war die Unterbrechung eines Verhaltens, und die Schüler haben gesehen: Hoppla, mit meinem intensiven bis exzessiven Verhalten bin ich nicht einverstanden! Auch fünf Wochen nach dem Experiment waren die Effekte messbar. Das psychische Wohlbefinden war besser als vor dem Experiment.

Wie seelisch bedrückt sind unsere Jugendlichen?

Wir haben festgestellt, dass 50 Prozent depressive Symptome aufweisen. Das ist enorm viel. Das Gleiche sehen wir bei Schlafstörungen. Zwischen 50 Prozent und zwei Drittel leiden darunter. Ursachen gibt es viele: Jugendliche können nicht einschlafen, weil sie das Handy beim Bett haben und Benachrichtigungen bekommen, die das Einschlafen stören. Manche werden in der Nacht von Nachrichten geweckt, andere leiden unter dem Leistungsstress.

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Sind die Jugendlichen nicht mehr so widerstandsfähig?

Ich glaube, wir müssen auf gesellschaftlicher Ebene diskutieren, wie es mit dem Leistungsideal aussieht. Wie sehr müssen Jugendliche funktionieren? Eine unserer Studien zeigt, dass viele Jugendliche psychisch belastet sind, weil sie Angst haben, die demokratischen Werte zu verlieren, und weil das Ungleichgewicht in der Gesellschaft mehr zum Tragen kommt. Das kann man in zwei Richtungen interpretieren. Man kann sagen: Toll, dass die Jungen solche Werte haben, sie kümmern sich um die Demokratie. Andererseits spüren sie, dass die Werte, die Erwachsene vorleben sollten, immer weniger gelebt werden.

Zurück zu Smartphones und Social Media: Derzeit wird viel über ein Verbot diskutiert. Wie sehen Sie das?

Aus meiner Sicht führt kein Weg daran vorbei. Das liegt daran, dass die Anbieter die Produkte so gestalten, dass sie ein Addictive Design einbauen, mit dem wir nicht umgehen können. Ich sage wir, denn ich meine Jugendliche und Erwachsene. Solange wir die Selbstkontrolle nicht zurückbekommen, brauchen wir Restriktionen. Warum? Weil Kinder und Jugendliche – im Unterschied zu Erwachsenen – viel weniger die Möglichkeit haben zu reflektieren. Um zu verstehen, welche negativen Konsequenzen es haben kann, wenn ich ständig zum Handy greife, brauche ich das Frontalhirn. Das ist aber erst mit 28 bis 30 Jahren ausgewachsen. So lange tut man sich ein bisschen schwerer in der Selbstkontrolle und -steuerung.

In Australien gibt es ein Social-Media-Verbot, das nicht zu funktionieren scheint.

Ich ärgere mich sehr über diese Meldungen, denn so schnell kann das nicht funktionieren. Das wirklich Wichtige …read more

Source:: Kurier.at – Politik

      

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