Militärexperte Gady: „Russland gehen langsam die Optionen aus“

Politik

Franz-Stefan Gady ist dieser Tage ein gefragter Gesprächspartner. Der Österreicher war mehrfach an der Front in der Ukraine, er berät regelmäßig die US-Streitkräfte in Europa. Kürzlich hat der dreifache Vater sich in einem Buch mit einem potenziellen Krieg Russlands gegen Europa auseinandergesetzt – mit Österreichs Neutralität ging er damit hart ins Gericht.

KURIER: In den letzten Wochen heißt es immer öfter, die Ukraine sei plötzlich auf dem Schlachtfeld im Vorteil. Stimmt das? Zeichnet sich eine Wende ab?

Franz-Stefan Gady: Es ist zu früh, von einer Trendwende zu sprechen. Vor allem was die ukrainische Luftverteidigung betrifft. Der mangelt es an Abwehrraketen, und die Zerstörung in den Städten wächst sukzessive. Aber es stimmt, dass die Ukraine an der Front jetzt besser dasteht als vor einem Jahr. Das liegt daran, dass die Streitkräfte erstmals nicht schrumpfen, weil sie nicht nur genügend Soldaten rekrutieren, sondern die auch endlich halten können. Desertationen sind wegen besserer Ausbildung und besserem Personalmanagement stark gesunken.

Dazu kommt, dass im Zuge einer Strukturreform die Einsatzorganisation massiv verbessert wurde. Es wurde eine Ebene über den Brigaden eingezogen, die es zuvor nicht gab, das erleichtert die Koordinierung.

Und die Drohnen? 

Das ist der dritte Punkt. Die Drohnen haben der Ukraine nicht nur an der Front einen Vorteil verschafft, sondern auch auf der Mittelstrecke. Die Ukrainer schaffen es zwischen 30 und 100 Kilometern Reichweite effektiv, russische Stellungen, Logistiknetzwerke, Munitionsdepots, Radarsysteme und Ölinfrastruktur anzugreifen.

Das schwächt die russische Flugabwehr empfindlich, dazu haben die Ukrainer teils sogar Überlegenheit in der Artillerie. Moskau ist dadurch gezwungen, sich zu entscheiden: Schützen wir die Front oder unsere Infrastruktur innerhalb des Landes?

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Das klingt aber doch nach Trendwende.

Wie gesagt, es ist zu früh, von einer Trendwende zu sprechen. Zudem marschieren die Russen nach wie vor im südlichen Raum vorwärts und haben quantitativ Überlegenheit an der gesamten Front. Aber es stimmt, dass die Ukrainer an der Front jetzt besser dastehen als vor einem Jahr.

Und es stimmt, dass die Russen zunehmend unter Druck stehen: Die Streitkräfte müssten für Erfolge wachsen, nun haben sie aber seit einem halben Jahr mehr Verluste als Neurekrutierungen. Durch die Drohnenattacken ist das Verwundeten-Toten-Verhältnis zudem auf 1:1 gesunken, die Verluste sind riesig.

Entscheiden wird sich der weitere Verlauf im Kampf um die Anhöhen rund um Kramatorsk, Slowjansk und Kostjantyniwka. Die Höhen sind genauso wie hohe Plattenbauten im urbanen Gelände enorm wichtig für den Krieg, weil die erhöhte Lage die Reichweite der Drohnen steigert.

Trotz des Drucks auf die Russen deutet aber wenig auf eine Annäherung auf diplomatischer Ebene hin.

Die Frage ist, ob Putin überhaupt ein klares Verständnis von der Lage an der Front hat. Er ist kein Meisterstratege, er zeigt bei schwierigen Situationen beinahe Lähmungserscheinungen – er zieht sich aus der Öffentlichkeit zurück und lässt die Dinge laufen, um erst spät Aktionen zu setzen. Das hat man an den Angriffen auf die Raffinerien und die Energieinfrastruktur gesehen, die zur jetzigen Treibstoffkrise führten.

Aber würde Putin sich mit dem jetzigen Frontverlauf zufriedengeben? Nein. Russlands Minimalziel ist nach wie vor die Eroberung des restlichen Donbass. Irgendwann könnte die Kosten-Nutzen-Rechnung aber nicht mehr aufgehen, dann würde Moskau versuchen, am Verhandlungstisch zu erzielen, was militärisch …read more

Source:: Kurier.at – Politik

      

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