
Es ist Dienstag um 23.42 Uhr, als die Alarmglocken am Leipziger Flughafen schrillen. Eine Touristengruppe ist mit einem Mitarbeiter auf dem Rollfeld unterwegs, man besucht den Flughafen bei Nacht. Irritiert wird die Truppe von einem kleinen Flieger, der in der Nähe umherschwirrt: Eine Drohne, vielleicht auf Irrflug. Der Mitarbeiter hält sie am Boden fest.
Was der Mann zu diesem Zeitpunkt nicht weiß: An dem Fluggerät hängt eine „verdächtige Masse“ mit einer „sprengfähigen Substanz“, darin wohl ein Zünder, wie die Polizei später sagen wird. Ein paar Meter neben dem Fundort stehen Antonow-Frachtmaschinen, sie gehören der ukrainischen Luftwaffe. Elf Minuten später sind Flughafen und Luftraum gesperrt.
Ausgerechnet Leipzig
Was der Flughafen Leipzig Dienstagnacht erlebt hat, kennen die Menschen in der Ukraine nur zu gut, sie werden tagtäglich von bewaffneten Drohnen attackiert. Auch in Polen und im Baltikum hat man derartige Situationen schon erlebt, da waren es aber meist verirrte Drohnen, die abstürzten.
Aber eine mit Sprengstoff beladene Drohne in Deutschland, das hat neue Qualität, zumal sie womöglich bewusst in der Nähe der ukrainischen Maschinen flog. Über Leipzig transportiert die NATO schon seit 20 Jahren gemeinsam mit dem ukrainischen Konzern Antonow Material. Seit die Russen 2022 den Antonow-Stützpunkt in Hostomel zerstört haben, ist Leipzig Ersatzstandort für den Konzern – und damit zentral für den Krieg der Ukraine.
Aus diesem Grund sind mit den Ermittlungen auch nicht nur die Polizei, sondern auch Staatsschutz und Extremismusabwehr beschäftigt; ein Sabotage- oder Terrorakt wird nicht ausgeschlossen, heißt es von dort. Genährt wird der Verdacht auch dadurch, dass ein zweites Fluggerät kurz nach dem Fund des ersten mit einer fliegenden Maschine kollidierte: Das Objekt krachte in eine Frachtmaschine, die wegen der Airportsperre gezwungen war, wieder durchzustarten. Derzeit wird untersucht, ob sich daran Spuren von Sprengstoff befinden.
Wegwerfagenten-System
Dass Moskau seine Finger im Spiel hat, ist für die Ermittler denkbar. Zwar wurde nach dem Fund keine verdächtige Person ausgemacht, aber schon vor zwei Jahren hatte der russische Geheimdienst eine Paketbomben auf demselben Flughafen platziert. Die detonierte zum Glück nicht an Bord eines Flugzeugs, sondern im Flughafen-Logistikzentrum.
Ausgeführt hatte die Tat damals ein Netzwerk sogenannter „Wegwerfagenten“, die von den russischen Behörden seit Beginn des Ukrainekriegs vermehrt eingesetzt werden – Menschen aus der Region, die über die sozialen Medien oder Messengerdienste mit geringen Geldbeträgen gelockt werden, um Ziele auszuspähen, Dinge zu beschädigen oder eben Drohnen aufsteigen zu lassen. Meist wissen die „Wegwerfspione“ selbst nicht, für wen sie arbeiten, oft werden sie auch unter Druck gesetzt oder erpresst.
Auch jetzt steht im Raum, dass der Kreml dieses System genutzt haben könnte. Drohne und Sprengsatz sind nämlich keine Hightech-Produkte, sondern der Sprengstoff wurde aus handelsüblichem Dünger samt Benzin hergestellt – eine eher simple Bauweise. Bei einer Detonation wäre die Konsequenz jedoch fatal gewesen: Laut Experten hätte selbst eine derartig einfache Bombe ein ganzes Flugzeug in Brand setzen können.
„Staatsterror“
Die deutsche Politik ist darum alarmiert. Innenminister Alexander Dobrindt hat seinen Urlaub unterbrochen, auch die Opposition macht Druck. „Man hat den Eindruck, dass verdeckte terroristische Bedrohungen und Aktionen weiter zunehmen und das Agieren immer aggressiver wird“, sagte Konstantin von Notz, stellvertretender Fraktionschef der Grünen. Sollte …read more
Source:: Kurier.at – Politik



