Weibliches in Männern und Männliches in Frauen entdecken

Kultur

„Wenn jemand behauptet, seine Ansichten oder etwas auf politischer Ebene sei richtig, dann bezweifle ich das zutiefst, und es gibt mir ein Gefühl der Enge.“

Das ist einer der Gründe, warum die klassisch ausgebildete Cellistin Sophie Abraham ihr jüngstes Solo-Album „The Beauty In Between“ genannt hat. „Der Titel spielt auf meine Faszination für das Androgyne an“, erklärt die 39-Jährige im KURIER-Interview. „Ich liebe es, Weibliches in Männern und Männliches in Frauen zu entdecken, beziehungsweise finde ich, dass das überhaupt nicht so bezeichnet und differenziert werden muss.“

Der Albumtitel ist auch ein Abbild des Stils von Abraham, die u. a. mit dem radio.string.quartett, bei ihren Solo-Projekten aber die Möglichkeiten, ihr Instrument zu spielen, permanent erweitert. Ihre Stücke verweben den rhythmischen Einsatz des Cellos und experimentelle Klang-Manipulationen mit Klassik, Jazz und ihrem meist textlosen Gesang. Abraham klingt verträumt, unruhig und verstört, und ein wenig später fröhlich und tanzbar.

Eine neue Technik erfand sie für den Song „Roadtrip“: „Da habe ich das Mikrofon ganz nah an das Cello gestellt, ganz leise und hauchig gespielt, es dann sehr laut gedreht, wodurch das wie Ambient Music klingt.“

Es zeigt auch, wie Abraham nicht nur aus dem Experimentieren, sondern auch aus ihrem Inneren schöpft: „Ich habe im Herbst meinen Vater verloren und bin jetzt Waise“, sagt die in den Niederlanden aufgewachsene Musikerin. „Das hat mir den Boden unter den Füßen weggerissen. Ich musste mir Hilfe holen. Jetzt geht es mir wieder gut, aber während ich versucht habe, zu spüren, was in mir vorgeht, habe ich ‚Roadtrip‘ geschrieben.“

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Den Titeltrack „The Beauty In Between“ hat Abraham mit ihrer ältesten Schwester Bettina aufgenommen: „Für sie war die Geige das, was für mich das Cello ist“, erklärt Abraham. „Sie hat es geliebt, Geige zu spielen, hat aber MS, ist im Rollstuhl und kann die Saiten nicht mehr greifen. Ich dachte, vielleicht schaffe ich es, ihre Hände zu sein. Deshalb habe ich bei ihr in einem Zimmer Mikrofone aufgebaut und ihr eines in die Hand gedrückt. Singen kann sie nämlich. Ich habe mich ihr gegenüber gesetzt, und wir haben einander erst mal still ganz bewusst wahrgenommen. Dann hat sie zu singen begonnen und ich zu spielen.“

Cello-Suite von Bach

Der Leidenschaft für klassische Musik verleiht Abraham mit „One, Six, Papa Joseph & Me“ Ausdruck. Darin verarbeitet sie Zitate aus der ersten und der sechsten Cello-Suite von Bach.

Mit all diesen Freiheiten und Möglichkeiten bei der Arbeit als Solistin hat Abraham nie bereut, einst einen Fixplatz bei den Wiener Symphonikern abgelehnt zu haben. „Ich war während meines Masterstudiums in Wien Substitutin. Dann wurde eine Stelle frei und mein Lehrer sagte, ich könnte sie bekommen, wenn ich alles andere aufgebe und eineinhalb Jahre lang sieben Stunden am Tag dafür übe. Da war ich aber schon mittendrin in den Solo-Sachen, im Jazz, im Groove und im Experimentieren. Das wollte ich nicht aufgeben.“

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Source:: Kurier.at – Kultur

      

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