
Glaubt man der Film- und Serienwelt, hat ein Todesfall in der Familie weniger mit großer Trauer oder nervenaufreibendem Papierkram zu tun. Sondern bringt in erster Linie ein ordentliches Erbe samt Immobilie, die Bekanntschaft von bis dato unbekannten Verwandten oder die Entdeckung eines dunklen Familiengeheimnisses mit sich. In der Serie „Sterling Point“, die seit dieser Woche bei Amazon Prime Video zu sehen ist, trifft gleich alles drei zu.
Die 17-jährige Annie (Ella Rubin) lebt in einem schicken Haus in New York, folgt einer strengen, mehrstufigen Skincare-Routine und einem ebenso detaillierten Karriereplan. Eines Tages erfährt sie, dass ihr Großvater verstorben ist, zu dem sie keinen Kontakt hatte. Er hinterlässt ihr und ihrem Zwillingsbruder Connor (Keen Ruffalo, Sohn von Mark Ruffalo) eine Insel in Kanada und zwei handgeschriebene Briefe, die der Vater (Jay Duplass, „Transparent“) hastig einkassiert. Annie ahnt, dass hier etwas faul ist, und beschließt, nach Kanada zu reisen – auf die Insel Sterling Point.
Dort trifft sie nicht nur die eingangs erwähnte (etwas heruntergekommene) Immobilie an, sondern auch ein Familienmitglied, von dessen Existenz sie nichts wusste. Dazu gesellen sich neue Freundinnen und Freunde sowie Love Interests, mit denen sie Zeit am See verbringt.
Auf dem Papier liest sich das wie das neueste vorhersehbare Teenie-Drama. Doch „Sterling Point“ von Regisseurin Megan Park („My Old Ass“) und den Showrunnern Josh Schwartz und Stephanie Savage (beide u. a. „O.C., California“, „Gossip Girl“) ist wohltuend-sommerliche Coming-of-Age-Unterhaltung.
Das Rätsel ist ausreichend spannend erzählt, die Kulisse direkt am Wasser traumhaft. Die Jugendlichen sind (meist) emotional erwachsen und wissen, wie man wertschätzend miteinander umgeht. Es gibt Romanzen, Freundschaften und das Gefühl jugendlicher Aufbruchstimmung.
Und natürlich lebt Annie, zumindest für einen Sommer, den Sehnsuchtstraum der Gegenwart: Sie verlässt den durchgetakteten Alltag für einen idyllischen Ort ohne funktionierendes Handynetz. Dadurch machen hier auch Dinge Sinn, die ob unserer ständigen Erreichbarkeit in Serien oft seltsam wirken – wie unangekündigte Besuche.
Hin und wieder tauchen ein paar Logiklücken auf, der eben getätigte Lebensmitteleinkauf verschwindet praktischerweise am Weg zur Party und manchmal würde man Annie gerne schütteln, weil sie auf der Hand liegende Fragen nicht stellt. Aber das ist bei dieser warmherzigen Geschichte über das Erwachsenwerden schnell verziehen.
Source:: Kurier.at – Kultur



