
KURIER: Wofür ist die Akademie der Wissenschaften und Sie als deren Präsident zuständig?
Heinz Faßmann: Die Österreichische Akademie der Wissenschaften hat drei wesentliche Funktionen für diese Republik zu erfüllen. Auf der einen Seite vergeben wir Stipendien – nicht nur an Mitarbeitende der Akademie, sondern an alle Universitätsangehörigen, die sich erfolgreich darum bewerben. Wir sind zudem eine Gelehrtengesellschaft, die sich mit Fragen der Wissenschaft und der Zeit beschäftigt. Das vielleicht Wichtigste: Wir sind ein Forschungsträger. Das heißt, wir betreiben 26 hochspezialisierte Forschungsinstitute von der Archäologie bis zur Zellbiologie. Manche unserer Institute sind die größten in Österreich und zählen auch zu den erfolgreichsten weltweit. Bei uns arbeitet immer noch ein Nobelpreisträger.
Quantenphysiker Anton Zeilinger war ihr Vorgänger im Amt des Präsidenten, Kaum jemand kann sich unter Quantenphysik etwas vorstellen. Sie schon?
Das Faszinierende an der Quantenphysik ist, dass sie die Quantenphysiker selbst noch nicht restlos erklären können. Es bleibt eine Spur von Geheimnis, wie diese Quantenphänomene zustande kommen. Warum sind zwei Photonen miteinander verschränkt, auch dann, wenn sie viele Kilometer voneinander entfernt sind? Kein Quantenphysiker kann das abschließend erklären. Das macht sie, glaube ich, auch so sympathisch.
Haben sich die Forschungsschwerpunkte in den letzten Jahren verschoben?
Zeilinger ist ein Pionier und hat es verstanden, Schüler um sich zu gruppieren, die seine Fragestellungen in der Quantenphysik weiterentwickeln. In den Lebenswissenschaften waren und sind es kluge, politische, strategische Entscheidungen, die uns heute in dem Bereich stark machen. Der ehemalige Wiener Bürgermeister Michael Häupl war einer der Väter des Vienna BioCenter. Früher lag dort der Schlachthof St. Marx, heute gibt es ein lebendiges Forschungszentrum für mehr als 2.000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Doch ich möchte auch ein Wort zu den Geisteswissenschaften sagen, denn sie sind viel wichtiger, als man glaubt. Sie liefern uns ein tiefes Verständnis für die Erklärung der Vergangenheit und besonders der Gegenwart. Wie kommen Konflikte zustande: Ob zwischen der Ukraine und Russland oder Taiwan und China – Die Geisteswissenschaften stellen in Zeiten wie diesen eine wichtige Orientierungswissenschaft dar.
Ende August treten Sie beim Byzantinistik-Kongress in Wien auf. Außerhalb der Community wissen viele wahrscheinlich nicht, was Byzantinistik ist. Sind solche Fächer gefährdet?
Ganz und gar nicht. Die Byzantinisten zählen zu unseren Vorzeigefächern. Wir sind auch Mitveranstalter des Kongresses.
Der Laie könnte entgegenhalten: Was soll mir etwas Jahrhunderte Zurückliegendes heute erklären?
Es sind die grundsätzlichen Fragen, die beantwortet werden: Wie kann ich ein großes und heterogenes Territorium politisch organisieren, dass es funktioniert? Was sind die Ursachen dafür, dass das mächtige byzantinische Reich sukzessive untergegangen und dann verschwunden ist? Was sind die Erfolgsrezepte für den Aufstieg von Staaten und was die Misserfolgserklärungen für das Verschwinden? Diese Erklärungen sind nie eins zu eins für die Gegenwart übertragbar, aber Anlass, darüber nachzudenken, wie wir beispielsweise das heterogene Staatengebilde wie die EU organisieren.
Weil Geschichte sich wiederholt?
Geschichte wiederholt sich nie eins zu eins. Aber aus der Geschichte zu lernen, das ist ein ganz großer Erfahrungsschatz.
In der Gegenwart sind die Sparbudgets gerade Thema auch im universitären Bereich. Fürchten Sie um die Lehre?
Dass wir sparsam und verantwortungsbewusst mit Steuergeldern umgehen, das ist vollkommen in Ordnung und das muss jede Institution und …read more
Source:: Kurier.at – Politik



