Martin Kušej plant einen Coup – mit Klaus Maria Brandauer

Kultur

Trenklers Tratsch: Der Burgtheaterdirektor will in Zeiten des Lockdowns „Geschlossene Gesellschaft“ inszenieren

Von wegen, dass die Kultur in Zeiten der Pandemie den Bach runter geht!

Sprache gehört eindeutig zur Kultur – und der aktive Wortschatz hat sich im letzten Jahr eindeutig erweitert. Denken Sie nur an die Inzidenz! Oder den Reproduktionsfaktor! Dieser Tage hat Ihr Tratschpartner wieder ein neues Wort gelernt: die Hygienegemeinschaft.

Eine solche kann, ohne Zweifel, in Zeiten der Pandemie zur Hölle auf Erden werden. Die eine Person ist andauernd grantig, die andere keift die ganze Zeit. Ein Entrinnen ist fast unmöglich.

In der modernen Theaterliteratur gibt es zwei Stücke, die den purgatorischen Zustand ziemlich gut analysieren. Das eine nennt sich „Endspiel“ bzw. „Fin de partie“ und stammt aus 1956. Herr und Diener bilden bei Samuel Beckett eine geradezu klassische Hygienegemeinschaft – und sie bedingen einander, auch wenn der gelähmte Hamm den steifbeinigen Clov immerzu tyrannisiert. Denn der Diener ist nur Diener, wenn er dient.

Bei Jean-Paul Sartre besteht die Hygienezwangsgemeinschaft aus drei Menschen: In „Geschlossene Gesellschaft“ bzw. „Huis clos“ aus 1944 quälen sich die reiche Estelle, die lesbische Inès und der Journalist Garcin gegenseitig. Berühmt ist der Einakter ob der Erkenntnis, dass die Hölle die Anderen seien. Und so, wie Clov nicht Hamm verlässt, verlässt Garcin nicht die Frauen. Obwohl sich die Gelegenheit im Wortsinn eröffnet hätte.

Lukas Beck / Burgtheater

Will „Geschlossene Gesellschaft“ herausbringen: Martin Kušej 

Im Gegensatz zu „Endspiel“ hat „Geschlossene Gesellschaft“ keine leichtfüßigeren Passagen. Aber der Beckett war erst vor fünf Jahren in Wien zu sehen – mit Nicholas Ofczarek und Michael Maertens. Und so entschloss sich Burgtheaterdirektor Martin Kušej kurzfristig, die „Geschlossene Gesellschaft“ herauszubringen. Das Bühnenbild habe, hört man, Martin Zehetgruber entworfen, mit dem Kušej seit Studientagen am liebsten zusammenarbeitet.

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Der Meister der kühlen Setzung lässt die drei Protagonisten gegen eine gewaltige Betonmauer rennen. Sagt man zumindest. Die Inszenierung dürfte also ein Art Hochamt der Verzweiflung werden. Ob man das jetzt unbedingt braucht? Zumal es in „Geschlossene Gesellschaft“ nur eine Rolle mit Potenzial gibt, jene des Garcin. Aber Kušej gelang, wie man tratscht, ein Clou: Er gewann Klaus Maria Brandauer, den man schon sehr lange nicht mehr – seit König Lear (2013) – spielend auf der Burgtheaterbühne sah. Und so wird das doch noch ein Vergnügen werden.

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Source:: Kurier.at – Kultur

      

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